VI. Materielle und spirituelle Kultur der Alchemie

Die verschiedenen gelehrten Konzepte der frühneuzeitlichen Alchemie umfassten, neben der metallurgisch-transformatorischen und der iatrochemisch-medizinischen Alchemie, auch das Konzept von der ‚Alchemie des menschlichen Geistes‘. Allen Konzepten lag der Gedanke der Transformation – ausgehend von der Kraft des Feuers – und der imitatio zugrunde. Somit waren experimentelle, theoretische und quasireligiöse Alchemie häufig untrennbar miteinander verbunden. Experimentelle (Proto-)Naturwissenschaft und magisch-theosophische Rituale praktizierende Spiritualität formten eine Einheit, deren gemeinsamen Quell die Geheimnisse der Natur bildeten. Spirituelle Erlebnisse konnten demzufolge mit dem Blick auf die Cauda pavonis (Pfauenschwanz) – den prächtigen Farbwechsel während des chemischen Prozesses – oder aber vermittels intensiver Bildimagination angestrebt werden.
Das gemeinsame Ziel der Transformation von Materie und der imitiatio naturae führte unter anderem zu einer – mittlerweile gut untersuchten – Verbindung zwischen Feuerkunst und bildender Kunst. Zahlreichen Künstlern, vermutlich auch Matthäus Merian d.Ä. als ‚Radierer-Alchemist‘, fiel die Verwandtschaft der beiden Künste ins Auge. Das bewirkte sogar, dass die Kunsttheorie die künstlerischen Erzeugnisse – vom Glas bis zum Gemälde – mitunter mit dem Opus magnum verglich. Das Feuer der Alchemiker mutierte in dieser Betrachtungsweise zum von Vulcanus angefachten, kreativen Feuer des Ingeniums.
Bevor Neues, Perfektes oder Erlöstes generiert werden kann, müssen Zerstörung, Läuterung und Reinigung stattfinden. Aufgrund der augenscheinlichen Analogie zwischen alchemischen und theologischen Verwandlungsprozessen kam es bereits im ausgehenden Mittelalter zur Synthese christlicher Heilsbestrebungen und naturkundlicher Forschung. Alchemotheologische Überlegungen brachten den Lapis mit Christus in eine Parallele, die die imitatio Christi in einem neuen Licht erscheinen ließ. Nicht nur theosophische Alchemiker, sondern ebenso laborierende ‚Liebhaber der Kunst‘ – bestenfalls in Personalunion im Laboratorium/Oratorium – benötigten materielle Dinge für ihr Tun. Somit umfasste die eng verknüpfte materielle und spirituelle Kultur der Alchemie künstlerische Erzeugnisse ebenso wie Universalheilmittel, Bücher oder naturwissenschaftliche Instrumente und religiöse Artefakte.


Alchimia – Die Güldene Kunst Selbst / Oder Aller Künsten Gebärerin

Conterfaytung deß Hermetis Trismegisti, in: Giovanni Battista Birelli, Alchimia nova. Die Güldene Kunst Selbst/ Oder Aller Künsten Gebärerin, […] auß dem Italianischen […] durch Petrum Uffenbachium der Artzney D. vnd bestälten Medicum in Franckfurt. Mit schönen und nohtwendigen Figuren, Frankfurt: Zacharias Palthenius und Niclas Hoffmann 1603, S. 292, UB Frankfurt, Sign. Occ. 989, hier gezeigt Exemplar (Neuausgabe von 1654) BSB München, Sign. Res/4 Alch. 8 weiterlesen...


Der Beginn aller Alchemie

Feuer

Matthäus Merian d. Ä., De Macrocosmi Principiis (De Chaos) für Robert Fludd, Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris metaphysica, physica atqve technica historia, Oppenheim: Johann Theodor de Bry 1617ff, Bd. 1 (Tomus primus, Tractatus primus) De macrocosmi structurae ejusque creaturarum originis historia,1617, S. 41, UB Frankfurt, Sign. Occ. 37 (weiteres Exemplar Occ. 15) weiterlesen…


Im Laboratorium des Alchemisten

David Teniers d.J., Der Alchemist, ca. 1643-1645, Öl auf Leinwand, 50,7 x 71,2 cm, Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Inv. Nr. GG 140

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Alembik, Retorte, Dreieckstigel – Alchemistische Instrumente, Werkzeuge

Destillierapparatur des Wittenberger Alchemisten, Destillierhelm (Alembik) und Destillierkolben (Cucurbit), wohl 16. Jh., Glas mit Resten von rotem Lehm, Lutherstadt Wittenberg, Sachsen-Anhalt, LDA Sachsen-Anhalt, Foto Vera Keil, Bef.482

(links) Gläserne Retorte des Wittenberger Alchemisten, wohl 16. Jh., Glas mit Resten von rotem Lehm, Lutherstadt Wittenberg, Sachsen-Anhalt, LDA Sachsen-Anhalt, Foto Vera Keil, Bef. 482 weiterlesen…


Heinrich Khunrath (Entwerfer), Contrafactura des Philosophischen Ofens, in: Heinrich Khunrath, Bericht vom Philosophischen Athanore, Auch Brauch unnd Nutz desselbigen, Editio tertia, & auctior, Magdeburg(?): in Verlegung des Authoris 1615, S. 15, UB Frankfurt, Sign. 8° P 194.6004 weiterlesen…


Christoph Müller und Hans Jacob Emck, Alchemistischer Destillierofen des Landgrafen Moritz, Deutschland, Kassel, um 1600, Kupferbronze, feuervergoldet, Maße: 43 x 43 cm, Museumslandschaft Hessen Kassel, Astronomisch-Physikalisches Kabinett, Inv. Nr. APK F 112

Der Destillierofen von Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572-1632) ist von überragender kulturhistorischer Bedeutung, weil er die tiefgehende praktische Beschäftigung eines gelehrten Fürsten mit der Alchemie symbolisiert. weiterlesen…


imitatio naturae – Kunstheorie und Alchemie  

Jan Brueghel d.Ä. (1568-1625), Allegorie des Feuers, 1608, 46 x 66 cm, Öl auf Kupfer, Pinacoteca – Accademia Ambrosiana

Die Allegorie des Feuers schuf Jan Brueghel d.Ä. im Zyklus der vier Elemente im Auftrag von Kardinal Federico Borromeo (1564-1631). Das ‚Feuerbild‘ zeigt mit dem enzyklopädischen Interesse der Elementbilder den Erfindungsreichtum hochspezialisierter Handwerker, die mit Hilfe des Feuers und seiner Hitze geschmiedete Preziosen, medizinische Heilmittel, Porzellan und Rüstungen herstellen. weiterlesen…


Feuerarbeiter in der Schmiede, Detail von Jan Brueghel d.Ä., Allegorie des Feuers, 1608 (Autor: N.N.)


Jan Brueghel d.Ä. und Hendrick van Balen, Allegorie des Feuers, 1606, Öl auf Leinwand, 46 x 83 cm, Musée des Beaux-Arts de Lyon, Inv. A 75 (Autor: N.N.) weiterlesen…


Die Alchemie des Radierens. Merian als Künstler und als Alchemist

Lässt man beispielsweise den Blick durch die Alchemische Weltlandschaft wandern, so drängt sich die Frage auf, ob der Künstler dieses komplex gestalteten, detailliert ausgearbeiteten und nuanciert schraffierten Systemblatts, Matthäus Merian d. Ä., selbst Kenntnis von der geheimen Kunst der Alchemie hatte. weiterlesen…


Künstlerische Produkte der Alchemie – Glas

Rippenkrug aus Achatglas, wohl Venedig, Ende 15. Jahrhundert (Fassung wohl 19. Jh.), Achatglas (calcedonio), formgeblasen, aus mehreren Teilen verschmolzen, Silber, vergoldet, (H × D Fuß) 36 x 13 cm, Kunstpalast Düsseldorf, Glasmuseum Hentrich, Inv. Nr. P 1992-23

Die Glasmasse dieses Krugs ist wie geschaffen, um alchemistische Ansichten über die Transmutation zu veranschaulichen. Eine Vielzahl verschiedener Metalle sind hier eingebunden, sie haben im scharfen Feuer des Glasofens ihre metallische Natur gänzlich und unwiederbringlich abgelegt, weiterlesen…


Materielle Kultur der spirituellen und christlichen Alchemie

Hans Vredeman de Vries, Theosophische Figur des Oratorium & Laboratorium, gezeichnet von Hans Vredeman de Vries und gestochen von Paullus van der Doort, 1595, in: Heinrich Khunrath, Amphitheatrum Sapientiae Aeternae, Hamburg (?) 1595, University of Wisconsin – Madison Special Collections weiterlesen…


Armillarsphäre mit Handgriff (Messinstrument), um 1500, Durchmesser 16 cm, Länge 35 cm, Leihgabe der Stadt Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Sammlung Waffen und Jagdkultur, Wiss. Instrumente und Medizingeschichte, Inv. Nr. WI23

Die hier gezeigte Armillarsphäre mit Handgriff ist ein mittelalterliches Instrument zur Berechnung der Konstellation von Planteten und Sternen, das außerdem zu Lehrzwecken diente. weiterlesen...


Globus (Autor: N.N.)


Musik und Alchemie – Laute weiterlesen…

Medal with alchemical and mystical symbolism (Medaille auf die Transmutation, Bezeichnung des Objektes im Katalog des Germanischen Nationalmuseums), o.J., 16./17. Jahrhundert, Gold geprägt, Sammlung Münzen-Medaillen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Inv. Nr. Med5830

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Hans de Bull (Hans Bulla), Die Alchemistische Tischglocke Kaiser Rudolfs II., um 1600, aus einer Legierung der klassischen sieben Metalle, vergoldet, Klöppel aus Eisen, Bronze, 7,8 cm × 6,3 cm, Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer, Inv. Nr. Kunstkammer, 5969

Die sogenannte Alchemistische Tischglocke stammt aus der Kunstkammer Kaiser Rudolfs II. weiterlesen…


Alchemistische Medaille, 16./17. Jh., Gold, Durchmesser: 26,5 mm, Gewicht: 24,6 g, Landesmuseum Württemberg, Inv. Nr. MK 19316

An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert richtete Herzog Friedrich von Württemberg (reg. 1593-1608) in Stuttgart eine Kunstkammer ein, in der Objekte aus den unterschiedlichsten Bereichen versammelt waren, kunsthandwerkliche Arbeiten aus kostbarsten Materialien und von höchster Qualität, Waffen, wissenschaftliche Instrumente, Münzen und Medaillen, Naturalia sowie Exotica und Ethnographica aus fernen Ländern. weiterlesen…

Caspar Ulich, Handstein mit dem Opfer Abrahams, St. Joachimsthal, 1563 datiert, Silbererzstufe, verschiedene Mineralien, Silber, vergoldet, 19,8 cm × 9 cm, bezeichnet MENS IMMOTA MANET 15 AB 63 und ABRAHAM IÖRGER,
Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer, Inv. Nr. Kunstkammer, 4142

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Jesus und die Alchemie? – Kruzifix mit Mineralien

Johann Gregor von der Schardt (Entwurf für die Figur), Kruzifix auf Mineralienberg, um 1570/80, 73,5 x 39,9cm, Holz, Bronze, Mineralienberg: Edelsteine, Mineralien, Weichschwamm, Turmschnecken, ursprünglich Mineraliensammlung des Paulus Praun (1548-1616), Leihgabe des Freistaats Bayern im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Gewerbemuseum, Inv. Nr. LGA6863 weiterlesen…