Merians Alchemische Weltlandschaft

Signatur MMerian. fecit.
In praefationem tertiam / Basilicae Philsophicae
Vertikale Mittelachse durch das Bild / Diagramm und horizontale Teilung zwischen ‚Oben‘ und ‚Unten‘
Hieroglyphisches Symbol für den Stein der Weisen (lapis philosophorum)
Fünf Vögel als Symbole für den mehrstufigen alchemistischen Prozess
Rabe
Schwan
Drache, nicht Basilisk
Pelikan
Phönix
Halbkreisbogen mit fünf Planetenzeichen
Solare Mann
Kette der Wesen oder Catena aurea (I)
Kette der Wesen oder Catena aurea (II)
Luna oder Diana
Hirsch bzw. Aktaion
Empyreische Lichtwelt
Sternenkranz
Obere Kreishälfte der Radialkomposition / des Kreisdiagramms mit doppeltem Flammenkreis
Feuer
Luft
Wasser
Erde
Tierkreiszeichen
Heilige Dreieinigkeit / Dreifaltigkeit / Trinität
Chymischer Hain
Drei Prinzipien (tria principia)
Vierfaches Feuer (ignes quattuor)
‚Roter‘ Doppellöwe
Alchemist und Theosoph

Annotationen von Fabian Ohlenschläger
Literatur: Trenczak, 1965, S. 324-337; Neugebauer 1993, S. 307f.; Priesner/Figala 1998; Bachmann/Hofmeier 1999, bes. Der Imaginative Innenraum der Welt, S. 85-87 und Stichwort: Vögel, S. 64f.; Sax, Boria, Imaginary Animals. The Monstrous, the Wondrous and the Human, London 2013; Böhme 2014, S. 19-22, siehe auch die Einträge zur Weltlandschaft in der virtuellen Ausstellung (Raum II Alchemische Bildwelten)

Matthäus Merian d.Ä., Alchemische Weltlandschaft, Systemblatt für Johann Daniel Mylius, Opus medico-chymicium, Frankfurt: Lucas Jennis 1618, Bd. 3, Basilica Philosophica, UB Frankfurt, Sign. Occ. 1150 Bd. 3

Matthäus Merians sogenannte Alchemische Weltlandschaft gilt als eine der Inkunabeln der frühneuzeitlichen Alchemie. Anhand der Ikonographie mitsamt den aufgezeigten Verbindungslinien zwischen Akteuren, einzelnen Kompartimenten und den verschiedenen Sphären lassen sich die kosmologischen Grundannahmen der Alchemiker ablesen. Als ästhetisch ansprechendes Lehr-, Schau- und Meditationsbild bietet die enzyklopädisch konzipierte Darstellung einen visuellen Zugang zur Naturphilosophie der Alchemiker und soll in dieser ursprünglichen Bildrezeption auch auf der Wissensplattform Merian und die Bebilderung der Alchemie als ein erster Schlüssel dienen (wahlweise mit Annotationen bzw. Kommentaren).

Die Darstellungskonventionen abstrakter Symbole, Zeichen und alchemisch-astrologischer Kreisdiagramme hat Merian innovativ mit einer räumlich dargestellten irdischen Landschaft verknüpft und imaginiert das Reich der Alchemie als dynamisches Beziehungsgeflecht. Mit deutlichen Anklängen an mittelalterliche und christliche Bildtraditionen fungieren feierlich präsentierte Allegorien und Personifikationen als Kultbilder einer Weltanschauung, deren zentraler Bezugspunkt – unter der Einwirkung der alles umspannenden göttlichen Trinität – ganz offensichtlich die Natur ist. Typischerweise hat die Darstellung keinen kanonischen Charakter, sondern ist das Zeugnis eines individuellen – von Autor, Verleger und Künstler gemeinsam realisierten – Versuchs, die geheimnisvollen Weltzusammenhänge auf die zweidimensionale Fläche zu bannen. Verschiedene Modelle der Welterklärung zeichnen die frühneuzeitliche Alchemie und deren zahlreiche Spielarten aus: Die Alchemie gab es entsprechend nicht.

Bereits im Entstehungsjahr wurde das radierte Faltblatt an jeweils unterschiedlichen Stellen in die Publikation des Theosophen und Arztalchemisten Johann Daniel Mylius eingebunden, was davon zeugt, dass das Bild als ein eigenständiges Medium anerkannt wurde. Zugleich integrierte Merian zahlreiche Aspekte in seine Komposition, die Mylius im zugehörigen Text nicht explizit exemplifizierte. 1625 brachte der Verleger Lucas Jennis die Alchemische Weltlandschaft und die drei zugehörigen Faltblätter in einem Hermetico-Spagyrischen Lustgärtlein heraus. Darin befanden sich weitere 160 kunstreiche chymico-sophische Emblemata […] der wahren Hermetischen Philosophen und die genannten vier grossen, schönen und tieffsinnigen Theosophischen Figuren. Nicht allein sehr dienstlich Augen und Gemuet dardurch zu erluestigen, sondern zugleich ein scharffes nachdencken der Natur bey allen Filijs Doctrinae, zuerwecken (Titelblatt).