Alchemistischer Ofen, Kassel

© Museumslandschaft Hessen Kassel, Astronomisch-Physikalisches Kabinett

Christoph Müller und Hans Jacob Emck, Alchemistischer Destillierofen des Landgrafen Moritz, Deutschland, Kassel, um 1600, Kupferbronze, feuervergoldet, 43 x 43 cm, Museumslandschaft Hessen Kassel, Astronomisch-Physikalisches Kabinett, Inv. Nr. APK F 112

Der Destillierofen von Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572-1632) ist von überragender kulturhistorischer Bedeutung, weil er die tiefgehende praktische Beschäftigung eines gelehrten Fürsten mit der Alchemie symbolisiert. Seine prunkvolle Gestaltung weist auch darauf hin, dass er kaum für den praktischen Einsatz im Labor vorgesehen war, obwohl seine technische Ausführung einen solchen Einsatz zulassen würde. Dass der Ofen tatsächlich dem Landgrafen Moritz von Hessen gehörte, beweisen die eingravierten Wappen von Moritz, Landgraf zu Hessen (abgekürzt MLZH) und seiner zweiten Frau Juliane (JLZH). Die Ornamentik auf der Oberfläche, sowie die vier Figuren an den Ecken des Brennkörpers stammen vom Kasseler Goldschmied Hans Jacob Emck.

Der viereckige untere Bereich enthält im Inneren einen eiförmigen Hohlraum, in den Wasser eingebracht wird. Er wurde auf ein Herdfeuer gesetzt und über Löcher und Lüftungsschlitze durch einziehende heiße Luft aufgeheizt. Wenn das Wasser zu sieden begann, konnte man entweder einen großen Destillierkolben direkt auf die passende Einzelherdstelle in der Mitte setzen, oder den oberen, runden Teil aufsetzen, um auf drei kleineren Auslässen mehrere Destillierkolben gleichzeitig erhitzen zu können.

Der Destillierofen ist das einzige dreidimensionale Objekt, das von Landgraf Moritz‘ Laboratorium übrig geblieben ist. Einer der berühmtesten Alchemisten um 1600, der französische Arzt Joseph Duchesne, beschrieb dieses Laboratorium als die bedeutendste derartige Einrichtung seiner Zeit. Dieser war 1604 auf Einladung von Landgraf Moritz nach Kassel gekommen. Zu diesem Anlass hatte der Landgraf extra sein Laboratorium aus dem Stadtschloss an einen Ort außerhalb Kassels verlegen lassen, um mit dem berühmten Gast in Ruhe arbeiten zu können. Wie Duchesne auch interessierte sich Moritz besonders für die Herstellung wirksamer chemisch hergestellter Heilmittel.

Aber auch die Suche nach dem Stein der Weisen scheint Moritz, dem schon seine Zeitgenossen aufgrund seiner herausragenden naturwissenschaftlichen Interessen wie seiner überragenden Sprachkenntnisse den Beinamen „der Gelehrte“ verliehen hatten, beschäftigt zu haben. Wie viele andere Alchemisten seiner Zeit war er davon überzeugt, dass der Stein der Weisen das wirksamste Medikament überhaupt darstellt. Trotz der notorischen Geldschwierigkeiten, die Moritz während seiner Regentschaft hatte, scheint er sich jedoch nie wie viele andere Alchemisten jener Zeit mit der Goldmacherei beschäftigt zu haben, sondern beschränkte seine Tätigkeit auf die Herstellung von medizinisch wirksamen chemischen Stoffen. Um Anhaltspunkte für die Herstellung verschiedener Ingredienzen zu bekommen, sammelte der Landgraf eine Vielzahl handgeschriebener Rezepte, die heute im Handschriftenbestand der Murhardschen Landesbibliothek in Kassel aufbewahrt werden.

Aber nicht nur die praktische Arbeit im Labor und das Zusammentragen von Rezepten sichern dem Landgrafen einen wichtigen Platz in der Geschichte der Chemie. Überdies begründete er 1609 an seiner Landesuniversität Marburg den ersten Lehrstuhl für Chemiatrie in Deutschland. Noch nach seiner Absetzung und Verbannung 1627 in ein Schloss im Umland Kassels zeichnete Moritz Pläne für Laboratorien, was beweist, dass sein Interesse an der Alchemie auch in der Endphase seines Lebens nie erlosch.

Karsten Gaulke


Literatur

Hartlaub 1959, Abb. 23 und 24; Mackensen, Ludolf von, Die naturwissenschaftlich-technische Sammlung: Geschichte, Bedeutung und Ausstellung in der Kasseler Orangerie, Kassel 1991, S. 124; Moran, Bruce T., Moritz von Hessen und die Alchemie, in: Akat. Moritz der Gelehrte 1997, S. 357-360; Borggrefe, Heiner, Das alchemistische Laboratorium Moritz des Gelehrten im Kasseler Lusthaus, in: Gerhard Menk (Hg.), Landgraf Moritz der Gelehrte. Ein Kalvinist zwischen Politik und Wissenschaft, Marburg 2000, S. 229-252; Akat. Alchemie am Kasseler Hof 2011; Principe, Lawrence M., Orte des Wunderns und des Verderbens. Alchemielaboratorien in Darstellungen der Frühen Neuzeit, in: Akat. Kunst und Alchemie 2014 S. 60-84, hier S. 64; Gaulke, Karsten, Alchemical Distilling Stove of Moritz, in: Akat. Making Marvels: Science and Splendor at the Courts of Europe 2019, S. 161f.