Merian, Nox mit Vulkanus in der Nacht, 1624

Matthäus Merian d.Ä., Nox – Die Vier Tageszeiten (Blatt 4), 18,2 x 27,6 cm, bez. MATTH. MERIAN. 1624 (als Dedikator) und M. Dan: Stolcius d. S. Bohm: / Poet: Laur: Cor: f. (als Dichter), Verleger Peter Aubry, Basel 1624, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Inv. Nr. MMerian WB 3.38

1624 verfasste der junge Medizinstudent Daniel Stoltzius von Stoltzenberg, den Merian über den Verleger Lucas Jennis näher kennengelernt haben muss, die tiefgründigen Distichen für die Stichfolge der Vier Tageszeiten.[1] Merian, der in dieser Zeit in Basel lebte, war in diesem thematisch für die Barockzeit typischen Projekt folglich mit einem explizit alchemisch versierten Protagonisten vereint. Nicht nur dass Merian im Stammbuch des adligen Alchemisten einen Eintrag hinterlassen durfte>; wie in keinem anderen Einzelblatt – außerhalb der genuin alchemischen Literatur – scheint sich auch hier ein sensus alchemicus zu verbergen. Eindrücklich schildert das emblematische Nachtstück – Nox – mitsamt dem zugehörigen Gedicht die Bedeutung des freundschaftlichen Gesprächs unter dem nächtlichen Basler Sternenhimmel und spiegelt das Ideal frühneuzeitlicher Freundes- und Gelehrtenkultur wider. Explizit genannte Adressaten der Radierung sind die im Schriftfeld genannten Abel Socin (1581-1638), Claude Gonthier / Gunthier (1567-1626) und Hans Lux / Lucas Iselin (1599-1634), „die mit reformierten Exulantenfamilien in Verbindung standen“.[2]

Wüthrich, der Nox explizit als das eigenständige Meisterstück Merians einstuft, vermutet, dass die Szene an eine gemeinsame Rheinfahrt erinnert, die die in der Widmung genannten Freunde, kurz bevor Merian endgültig von Basel nach Frankfurt abreiste, unternommen hatten. Bei den Männern im typischen Basler Fährboot könnte es sich, neben Merian, um die wohlhabenden Widmungsempfänger handeln. Ziel der Fahrt war vermutlich das sogenannte Sternenfeld in Basel, ein höhergelegener Platz, von dem aus man trefflich die Sterne sehen kann. Empfindlich gestört wird die Erzählung einer nahezu romantisch anmutenden Versammlung gleichgesinnter Sternengucker durch einen Bewaffneten, der aus dem Dickicht hervorbricht und die junge Männerschar in Unruhe versetzt. Ein Krug und ein Kelch stürzen um und ergießen ihren Inhalt in den Boden. Die Situation wirkt bedrohlich, freilich könnte es sich aber auch um einen derben Scherz handeln, der die gerade Ankommenden unterhalten soll.

Die im Gedicht fixierte Aufforderung des Alchemisten Stoltzenberg, ‚nächtliche Kälte mit der Feuerkraft Vulkans zu vertreiben‘ und ‚im Glanz des Lichts den Weg zu erkennen‘,[3] kann als Anspielung auf die spirituelle Kraft Alchemie gewertet werden. Der feuerkundige Vulkan genoss unter den Alchemisten und alchemisch interessierten Malern um 1600 eine herausgehobene Position. Nicht zu vergessen ist beispielsweise Stoltzenbergs direkte Anrede alchemischer Adepten als ‚Nachkommen des Vulkan‘ in einem seiner emblematischen Alchemiebücher.[4] Auffällig ist weiterhin, dass Merian mit der feuerschürenden Gestalt am Feuer die Figur des feuerbereitenden Vulkan mit Salamander im alchemischen Emblembuch Lambspring von 1625 präfiguriert (Abb.). Interessant scheint das Nachtbild der Sternengucker und der ‚Nachkommen des Vulkan‘ auch im Vergleich zu Merians fulminantem Hexenbild von 1626, das im Gegensatz zur gelehrten Anhängerschaft der Magia naturalis, in die sich Astrologie und Alchemie eingruppieren lassen, Hexen und Zauberer im Bund mit teuflischen Mächten zeigt.

Im Anschluss an die hier vorgenommene Einordnung von Nox in das Themengebiet poetisch-alchemischer Ikonographie beziehungsweise Dichtung sollte die gesamte emblematische Bildfolge (Aurora, Dies, Uesper, Nox) künftig einer näheren Untersuchung unterzogen werden. Etwa thematisiert das Blatt mit der Allegorie des Tages – Dies – den Sturz des Ikarus (Abb.>), ein Bildthema, das infolge der frühneuzeitlichen Alchemisierung mythologischer Sagen einen sensus alchemicus zugesprochen bekam. Dädalus und Ikarus figurierten als alchemistische Decknamen für Sulphur und Quecksilber.[5] Eine kulturpolitisch-rosenkreuzerische Dimension erhält die Bildfolge, wenn man bedenkt, dass es sicherlich kein Zufall ist, dass Aurora – die schon im Splendor solis (Sonnenglanz) und in der Aurora consurgens (Aufgehende Morgenröte) mit Hoffnung konnotierte Morgenröte ausgerechnet das Schloss in Heidelberg mitsamt der Neckarbrücke zeigt (Abb.>).[6] Hier residierte bis 1620 der pfälzische Kurfürst Friedrich V. (1596-1632), der glücklose, vom Kaiser verbannte Hoffnungsträger rosenkreuzerischer Ideen, welche der Arztalchemist Michael Maier, ein Vorbild des jungen Stoltzius, verteidigt hatte. Dass Stoltzenberg, auch nach dem Tod Maiers und dem Niedergang des als Winterkönig verspotteten Friedrich V., ein getreuer Anhänger des entmachteten Kurfürsten und dessen Erstgeborenen Friedrich Heinrich von der Pfalz (1614-1629) blieb, zeigen deren beiden Einträge in Stoltzenbergs Stammbuch im Jahre 1623 in ihrem niederländischen Exil in Den Haag.[7] Nicht grundlos kombinierte Stoltzenberg ausgerechnet diese beiden Stammbucheinträge mit einer Figur der Chymischen Hochzeit, dargestellt als königliche Vermählung, die er Michael Maiers Tripus aureus (1618) entnommen hatte, galt doch Friedrichs Hochzeit mit der englischen Prinzessin Maria Stuart (1596-1662) im Jahre 1613 in rosenkreuzerischen Kreisen als Hoffnungsschimmer und Zeichen der Morgendämmerung.

In welcher Form Matthäus Merian d.Ä. die rosenkreuzerischen Ideen am Heidelberger Hof beobachtete oder bewertete, bleibt näher zu erforschen. Belegter Fakt ist, dass der Künstler 1620 kurzzeitig in Heidelberg tätig war und über seine Aufträge beschränkten Zugang zu höfischen und gelehrten Kreisen genoss. Bereits im Februar 1618 hatte er – sehr ungewöhnlich für einen Kupferstecher – um Aufnahme an der Heidelberger Universität gebeten, was ihm jedoch verwehrt wurde. Wenn Merian und Stoltzenberg 1624 zu ihrem Gemeinschaftsprojekt in Basel zusammentrafen und im Freundeskreis eine Gedicht- und Bilderfolge mit alchemischer Ikonographie realisierten, dann darf hier von höchst außergewöhnlichen Einzelblättern Merians gesprochen werden, die – vermutlich mehr als bei den Illustrationen der Oppenheimer und Frankfurter Alchemiebücher – eine persönliche Note des Radierers integrierten. Denn im Vergleich zu seinen alchemischen Buchillustrationen tritt Merian bei der mit Lichtmetaphorik aufgeladenen Bildfolge zugleich als Entwerfer, Stecher und als Dedikator auf. Blatt 1 – Aurora – ist bezeichnet mit Merian inuent: et sculps: Basileae 1624.

Berit Wagner


Literatur

Wühtrich Bd. 1 1966, Nr. 379, S. 91 (Bildfolge Nr. 376-379)

Wüthrich, Akat. Merian 1993, Kat. Nr. 62, S. 95-97; Nr. 116, 174f.; Wüthrich 2007, S. 115-117

Alchemie in Basel

Gilly, Carlos, Eintrag Alchemie, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HSL), 2001>; Hofmeier Thomas, Basel – Hauptstadt der Alchemie, Berlin/Basel 2014

Endnoten
  1. Wühtrich Bd. 1 1966, Nr. 376-379; Wüthrich, Akat. Merian 1993, Kat. Nr. 62, S. 95-97; Nr. 116, 174f. und S. 10; Zu Stoltzenberg siehe Telle, Joachim, Eintrag Stoltz von Stoltzenberg, Daniel, in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 427-428. Online-Version siehe https://www.deutsche-biographie.de/pnd124724175.html#ndbcontent

  2. Zit. nach Eintrag Die Nacht, Akat. Merian 1993, S. 95. Siehe auch Wüthrich 2009, S. 358f. – Der mutmaßlich alchemische Hintergrund der genannten Personen sollte näher untersucht werden.

  3. Omnibus ut proprium nox abstulit atra colerem. Fulgor ab accenso lumine monstrat iter. Si vigilas noctu Vulcano frigora pelle. Colloquioq morae taedia longa leva – Sobald die schwarze Nacht allen Dingen ihre eigene Farbe weggenommen hat, zeigt der Glanz des angezündeten Lichtes den Weg. Wenn du nachts wachst, vertreibe die Kälte durch Vulcanus und erleichtere durch ein Gespräch den langen Überdruß der Zeit. Vgl. Wüthrich, Akat. Merian 1993, Kat. 62, hier Anm. 2, S. 165. Eine andere Übersetzung So wie die Nacht als ihre eigentümliche Farbe, die Schwärze, gebracht hat, zeigt der Schimmer des entzündeten Lichts den Weg. Wenn du in der Nacht wachst, vertreibe die Kälte mit der Hitze Vulkans und erleichtere dir den langen Ekel mit einem Gespräch. Vgl. Wüthrich 2009, S. 358. – Der erste Satz des Gedichts könnte auf die Phase des nigredo verweisen.

  4. So beispielsweise in der Vorrede Hortulus hermeticus flosculis philosophorum, Frankfurt: Jennis 1627, S. 2.

  5. Smith 2004, S. 135.

  6. Merian verzichtet auf die Darstellung einer aufgehenden Sonne, deren Aurora lediglich den subtil beleuchteten Wolkenformationen zu entnehmen ist. Siehe z.B. ein zeitgenössisches Beispiel mit aufsteigender Sonne https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1986-0510-5; zu den alchemischen Bilderhandschriften und den verschiedenen Bedeutungsebenen der Aurora vgl. Völlnagel 2004 und 2012. Weiterhin siehe den paracelsisch beeinflussten Jakob Böhme, Aurora oder die Morgenröte im Aufgang, 1612.

  7. Eintrag Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632) in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, 1622-1628, hier 1623, Universitätsbibliothek Uppsala, Ms. Y 132 d, fol. 39 und Eintrag Friedrich Heinrich von der Pfalz (1614-1629) ebd., fol. 40. Vgl. auch Hild 1991, S. 212 zur Authentizität der Einträge. Heinrich von der Pfalz trug sich selbstbewusst als designierter Inhaber der böhmischen Krone ein. Bereits 1620 hatten sich die Hoffnungen der protestantischen Union zumindest in politischer Perspektive zerschlagen, was aber nicht automatisch gegen die hier skizzierte Deutung der Radierung aus dem Tripus aureus spricht, vgl. https://www.alvin-portal.org/alvin/imageViewer.jsf?dsId=ATTACHMENT-0031&pid=alvin-record:103741. Zur Rosenkreuzerbewegung und der Rolle Friedrich V. in Heidelberg siehe Yates 1972 (2002), bes. S. 97ff. oder – mit einem kritischen Blick auf die Thesen von Yates – Alt 2012, Kap. 6 Kartographie der Einweihung, S. 125ff.; Wollgast, Siegfried, Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550-1650, 2. Aufl., Berlin 2016, S. 315ff.