Merian, Autorenporträt Johann Daniel Mylius, 1618

Matthäus Merian d.Ä., Autorenporträt Johann Daniel Mylius, Radierung, bez. AETATIS SVAE 33 A° 1618, hier gezeigt Frontispiz in: Ders., Antidotarium medico-chymicum reformatum, Frankfurt: Lucas Jennis 1620, UB Frankfurt, Sign. 8° R 786.9562

Das im Jahre 1618 angefertigte Autorenporträt von Johann Daniel Mylius (1585- nach 1631) zeigt den damals 33-Jähringen als Halbfigur in einem hochovalen Rahmen. Merian porträtierte Mylius hier zu einem Zeitpunkt, zu dem der Gelehrte bereits fest im hessischen Alchemistennetzwerk etabliert war. Der in Gemünden (Wohra) geborene Mylius studierte ab 1596 in Marburg und erhielt 1606 das Frankfurter Bürgerrecht.[1] Nachdem er zunächst als Korrektor im Buchgewerbe und als Hauslehrer tätig war, ist um 1612 seine Beteiligung an alchemistischen Experimenten in Gießen nachweisbar. Zwischen 1613 und 1616 bildete er sich medizinisch weiter und erhielt die Erlaubnis, sich als Arzt zu betätigen. 1616 gab er in Zusammenarbeit mit Lucas Jennis‘ Verlag das Werk Iatrochymicus des Schotten Duncan Bornett heraus. Er selbst verfasste zahlreiche medizinische, philosophische und religiöse Schriften. Dass der vielseitig gebildete Mylius auch an Musik interessiert war, wird daraus ersichtlich, dass er spätestens seit 1618 in der Frankfurter Barfüßerkirche gegen Bezahlung der Stadt Laute spielte und zudem 1622 eine umfangreiche Sammlung von Lautenstücken veröffentlichte. Mylius tritt als Autor bedeutender alchemistischer Publikationen und Kompilationen in Erscheinung, so etwa des Universalwerks Opus medico-chymicum (1618-1620) und des Antidotarium medico-chymicum reformatum (1620). Beide Werke enthalten zumeist das hier gezeigte Autorenporträt.[2] Aufenthalte am Hof des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel (1622/23),[3] während derer er alchemistische Experimente durchführte, sprechen für Mylius‘ enge Beziehungen zu adligen, alchemisch interessierten Kreisen.

Merians Darstellung spiegelt die angesehene Position des Porträtierten und seine umfassende Bildung wider, wobei sowohl auf Mylius‘ theoretisches Wissen als auch auf seine Versiertheit in der praktisch durchgeführten Alchemie verwiesen wird. Mylius ist mit einem elisabethanischen Gewand mit abstehendem steifem Kragen bekleidet. Dieser Mode entsprechen auch sein sorgfältig frisierter Bart und das seitlich gescheitelte, in Locken gelegte Haar. In seiner linken Hand hält Mylius einen Handschuh, was ihm eine vornehme Wirkung verleiht. Die Beschriftung im Rahmen des Ovals charakterisiert den Porträtierten als Mediziner: IOHANN-DANIEL MYLIUS WETTERANVS HASSVS. MEDICINAR(um) CANDIDAT(us) AETATIS SVAE 33. A. 1618. Den unteren Bildbereich der Radierung nimmt eine Rollwerktafel mit zentral platziertem Widderkopf ein, der die Worte Vin speculū, Lector, Paracelsi ! Vinq. Galeni ! / Mylius, en ! Speculum certé vtriusq. tibi einbeschrieben sind. Hier wird Mylius in Beziehung zu Paracelsus und dem antiken Arzt Galen gesetzt und somit als Mediziner geehrt. Die Bildelemente im Vordergrund werden von einem zentralperspektivischen Raum hinterfangen, an dessen Wänden sich links und rechts hohe Regale befinden, die bis zur Decke reichen. Das rechte Regal ist gefüllt mit dicken Büchern. Aus der rechten oberen Ecke dringen, den Darstellungen anderer Alchemisten, darunter auch Robert Fludd, vergleichbar, Lichtstrahlen in den Raum. Der für die alchemische Bildaussage relevante Lichteinfall wird zugleich dazu genutzt, die diese Bildseite heller erscheinen zu lassen. Im Gegensatz dazu gestaltet Merian die linke Bildseite durch dichte Schraffuren dunkler. In dem dort befindlichen Regal repräsentieren alchemistische Gerätschaften wie Glaskolben, ein Athanor und ein Alembik die praktisch durchgeführte Alchemie. Korrespondierend zu den auf der jeweiligen Seite dargestellten Themengebieten steht vor beiden Regalen eine Person. Das Buch in seinem Arm und das Tintenfass auf dem Tisch im Hintergrund weisen den rechts stehenden Mann als Gelehrten aus. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei dem linken Mann um einen Adepten der Alchemie. Seine praktische Tätigkeit kommt dadurch zum Ausdruck, dass er eine Zange und eine Flasche in den Händen hält und hinter ihm auf einem gemauerten Ofen ein Gefäß im Feuer steht. Sein Hut, der Vollbart und das weite Gewand erinnern an Darstellungen des Hermes Trismegistos. Die beiden Bildseiten zeigen eindrucksvoll das Zusammenspiel von Bücherwissen und praktischer Alchemie in der Persönlichkeit Mylius‘.

Dieselbe Einheit von Gelehrtheit und Praxis ist auch auf einer weiteren Illustration in Mylius‘ Opus medico-chymicum zu sehen, die den Autoren selbst zeigt. Es handelt sich um eines von 160 kreisrunden Medaillons, die Siegel der Philosophen, und bildet den betenden Mylius in einem mit Büchern und alchemistischen Gerätschaften ausgestatteten Raum ab (Abb.). Eine auffällige Gemeinsamkeit ist der Lichtstrahl, der von oben in Richtung von Mylius‘ Kopf einfällt und auf seine von Gott gegebene Weisheit hindeutet. Darüber hinaus orientiert sich die Raumdarstellung in Merians Autorenporträt ikonographisch am Laboratorium /Oratorium (1595) von Heinrich Khunrath, indem ebenfalls ein Raum gezeigt wird, der in einen geistigen- und einen praktischen Bereich unterteilt ist. Es mag Zufall sein, aber auch hier ist die Wand mit dem Bücherregal durchgehend hell erleuchtet, während die gegenüberliegende Laboratorium-Seite im Schatten liegt. Vielleicht wird so auf das teils obskure Image alchemistischer Experimente angespielt. Zudem erinnert das halbfigurige Porträt im ovalen Rahmen an die Darstellung der Philosophen auf dem Titelblatt der 1609 erschienenen Basilica Chymica von Oswald Croll, in dessen unterem Bereich ebenfalls eine Einheit aus Studienraum und Werkstatt angedeutet wird. Entsprechend dieser alchemischen Bildtradition vereint der universal gebildete Mylius – in Gemeinschaft mit dem Kupferstecher Matthäus Merian d.Ä. – auf seinem Autorenporträt gelehrtes Wissen und praktische Alchemie.

Katja Lehnert


Literatur

Wüthrich Bd. 1, 1966, Nr. 662; Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 96, S. 111, Abb. 84; Burgess 1973, No. 2112.1.

Zu Johann Daniel Mylius und Alchemie

Mylius, Johann Karl, Geschichte der Familie Mylius, selbstverlegt 1895, S. 168f.; Valentin, Caroline, Geschichte der Musik in Frankfurt a. M. von Anfange des 14. bis zum Anfange des 18. Jahrhunderts, Frankfurt 1906, S. 121f.; Ferguson 1906, S. 120f.; Read 1939, S. 260 ff.; Duveen 1965, S. 419-21; Telle 1980, S. 64ff., 113f.; Klossowski de Rola 1988, S. 133ff., 167ff., 198 ff.; Moran 1991, S. 111-114; Hild 1991, S. 56, 187f., 262; Humberg 2012

Endnoten
  1. Neumann, Ulrich, Eintrag Mylius, Daniel, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 667-668 [Online-Version].

  2. z.B. Bayerische Staatsbibliothek München, Res/4 Alch. 62-1 (http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10872559-6) und Österreichische Nationalbibliothek Wien, *69.F.89 (http://data.onb.ac.at/rep/10886C1D).

  3. Neumann 1997. Siehe auch London, Wellcome Library, No. 7127i, https://wellcomecollection.org/works/wpqyj5y6; Im Frankfurter Exemplar des Opus medico-chymicum, das sich in der Occulta-Sammlung der Universitätsbibliothek der Goethe-Universität befindet, ist das Porträt nicht enthalten (Occ. 1150). Dafür befindet es sich aber in dem Exemplar 8° R. 118. 2001 in stark beschädigtem Zustand.