Merian, Titelblatt Mylius, Antidotarium, 1620

Matthäus Merian d.Ä., nach dem Entwurf von Georg Keller (1568-1634/40), Titelblatt für Johann Daniel Mylius, Antidotarium medico-chymicum reformatum, Frankfurt: Lucas Jennis 1620, bez. GK fig. und MMerian. fe.; UB Frankfurt, Sign. 8° R 786.9562

Das radierte Titelblatt des Antidotarium medico-chymicum reformatum von 1620 von Johann Daniel Mylius zeigt eine weitere Arbeit aus dem Œuvre Matthäus Merian d.Ä. für ein alchemistisches Buch.[1] Die Signatur des Georg Keller (1568-1634/40) verrät (Abb.), dass der Entwerfer nicht Merian (Abb.), sondern sein älterer Kollege Keller war. Bei der Publikation handelt es sich um eine medico-chymische Sammlung von Heilmitteln, die Mylius – dessen Autorenporträt im Buch enthalten ist – als Erweiterung seines Hauptwerks Opus medico-chymicum (1618) gedacht und in insgesamt vier Bücher unterteilt hat. Das viel gelesene Antidotarium trug entscheidend zur Verbreitung alchemistischer Tradition in der Verbindung zum aufstrebenden pharmazeutischen Wesen bei.

In der Mitte des Titelblattes befindet sich das Titelfeld, welches zuerst den Autor und den Titel, folglich den Inhalt des Werkes benennt und weiterhin Verweise auf den Verlag anschließt. Sinngemäß lassen sich die Inhalte der einzelnen Bücher aus dem Lateinischen auf folgende Weise übersetzen:

(Buch) I erklärt allgemeine, für die Pharmazie erforderliche Dinge, (Buch) II behandelt einige besondere Heilmittel, die in den Basilicas (gemeint ist das Opus medico-chymico) ausgelassen wurden, (Buch) III führt die Lehre von Galens Nachfolgern und Alchimikern, betreffend deren Zubereitung von Medikamenten, weiter fort und (Buch) IV trennt die Formen und unterscheidet zwischen den Medikamenten Galens und den alchimischen Heilmitteln.[2]

Dem Zusammenspiel aus Titelei und bildlicher Gestaltung lässt sich ein starker Fokus auf praktisch-medizinische und naturwissenschaftliche Themen entnehmen. Deutlich wird dies durch Mylius‘ besonderes Augenmerk auf pharmazeutische Heilmittel und die expliziten Anweisungen zu deren Herstellung. Diese Praxis steht im Gegensatz zu dem Zweig des Goldmachens im Zeitalter der Alchemie.

Der Stichrahmen des Titelblattes ist seitlich links und rechts mit je drei hochovalen Kartuschen und mit zwei querovalen Kartuschen verziert. Seitlich links von oben erblicken wir die drei älteren Alchemisten Hermes Trismegistos, Geber und Morienus, zur Rechten von oben die drei jüngeren Adepten und Heilkundigen Raimundus Lullus, Roger Bacon und Paracelsus. Schriftbänder unterhalb der Kartuschen sind mit den entsprechenden Namen bezeichnet. Oben mittig zu sehen ist eine Szene in einem Bergwerkschacht, begleitet von Darstellungen Vulkans und Merkurs, die als typische Personifikationen aus dem Themenkreis der Alchemie auftreten. Die Hell-Dunkel Kontraste des den Hintergrund einnehmenden Schachts deutet Merian durch feine parallel und überkreuzt gesetzte Striche an. Hier lässt sich die für Merian typische Präzision wiedererkennen. Unterhalb des Titelfeldes gewährt uns Merian Einblick in eine Apotheke mit der Andeutung der Medizinherstellung und des Gesprächs zwischen Apotheker und Patient, respektive Kunde.

Die Bildkomposition zeichnet sich durch das typische Ineinandergreifen von Mikrokosmos und Makrokosmos aus. Ferner fügen sich Menschenwelt und Kosmos; das Göttliche, der Mensch und die Natur werden gleichwertig und essenziell in Abhängigkeit voneinander angesehen. Die mit prächtigen Voluten geschmückten Kartuschen tragen symbolisch die Essenz der Lehren der antiken Autoritäten weiter und wirken als memoriae einer als klassisch empfundenen Lehre. Dazu kontrastierend zeigt sich die Apothekenszene als ein fortschrittliches Geschehen des Medikamentenhandels, das jedoch auf den tragenden Säulen der Alchemie beruht. Mylius‘ suchende, medizinisch-chemische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Mineralien aus dem Erdinneren findet Anklang in der Bergwerkszene, in welcher vier männliche Figuren im Inneren eines Schachtes bei der geschäftigen Gewinnung von Metallen und Mineralien zu betrachten sind. Zwei von ihnen sind dabei, mit Äxten das Gestein zu zerschlagen, die zwei weiteren sammeln das gewonnene Rohmaterial mit Schaufeln auf. Der menschliche Kräfteakt im Bergwerk steht in enger Verbindung mit dem unten rechts abgebildeten Paracelsus. So vertrat Paracelsus die Ansicht, dass ein Arzt, wenn er als Arzt-Alchemiker praktizieren wolle, die Bergwerke als Stätten der Erkenntnis und Wissenschaft aufsuchen müsse.[3] Dieselben bargen jene anorganischen Substanzen, die als Ausgangsmaterial verschiedener alchemischer Prozesse für die Medizinherstellung dienten.[4] Analog zur Schilderung der Mineraliengewinnung sind entsprechend auf dem Titelblatt die Götterfiguren gesetzt; Merkur steht für Quecksilber und Vulkan für die Kraft des transformierenden Feuers. Die Abbildungen der Götter sind bedeutungsperspektivisch größer dargestellt als die Figuren in der Bergwerkszene. Sie sind dem Geschehen im Bergwerk mit ihren Gesichtern zugewandt und wirken als Schutzpatrone mit heiliger Essenz, deren Einfluss die Mineralgewinnung validieren kann. Hier wird das Zusammenwirken von Glauben und Wissenschaft im alchemistischen Zeitalter besonders deutlich. Es lässt sich grundsätzlich festhalten, dass der Bergbau für Alchemisten die Quelle all jener Mineralien barg, mit denen geforscht und experimentiert wurde.[5] So bestand der Glaube, dass die Metalle, die in der Erde wachsen, gleichzeitig mit den Planeten und folglich auch mit den Göttern griechischer Mythologie korrespondieren.[6]

Die für Merian und den Verlag Lucs Jennis typische Weise der Druckillustration ist eine komprimierte, teils mystifiziert, teils naturalistisch verbildlichte Erzählung von Ereignissen. Die fein gezeichnete Apothekenszene bekräftigt dies, denn wir erblicken eine zeitgenössisch realistische Szene. Wir sehen pharmazeutische Werkzeuge, wie eine Waage, oder einen Apothekergehilfen, der mit einem Mörser Grundzutaten der Medikamentenherstellung zerreibt. Die Wände des Apothekenraums sind bis unter die Decke mit Regalen voller Behältnisse und Kästen versehen. Merian stellt hier offen eine Realität dar, nämlich die Apotheke als Zentrum des Handels und des Wissensaustauschs. Der Stich gibt uns einen Blick in die Zeit des Zusammenfalls von hermetischer Wissenschaft und göttlichem Glauben. Wir erkennen das Zusammenspiel und gleichzeitige Auftreten von Szenen aus der Menschenwelt, dem Makrokosmos und der göttlichen Sphäre. Dass es sich bei dem Entwerfer um Georg Keller handelt, scheint ein Argument gegen Merians übergeordneten Einfluss auf die Frankfurter Bildinnovationen im Bereich der Alchemica illustrata zu sein.

Maja Dabir Zadeh


Literatur

Wüthrich II, 1972, Nr. 96, S. 111; Hollstein XXVIA, Nr. 632a-b; VD17 12:192314A

Putscher 1983, S.28; Klossowski de Rola 1988, S. 156, 158, 160; Neugebauer 1993, Nr. 238, S. 296, S. 308.

Endnoten
  1. Titelblatt mit anderem Titelfeld wiederverwendet für Hydrolithus Sophycus, seu Aquarium sapientum, Lucas Jennis 1625, gefunden als Adligat in Musaeum hermeticum. Siehe zum Vergleich das Münchner Exemplar des Antidotariums in der Bayerischen Staatsbibliothek, Signatur: 4 M.med. 154, https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10226780_00005.html

  2. Übersetzung von Neugebauer 1993, S. 308. Original Antidotarium medico-chymicum reformatum continens quatuor libros distinctos. Quorum 1. Generaliora in pharmaciam requisita explicat. 2. Tractat de quibusdam exoticis in nostris Basilicis omissis. 3. Tradit praecepta Galenic. & chymicorum de praeparatione medicamentorum. 4. Resoluit formas & diuidit medi.

  3. Gantenbein 2000, S. 11.

  4. Ebd., 17.

  5. Ebd., S. 11f.

  6. Neugebauer 1993, S. 294f.