Mylius, Siegel der Alchemisten, 1618/20

‚Siegel der Philosophen‘ mit Oswald Croll und Johann Daniel Mylius, in: Johann Daniel Mylius, Opus medico-chymicum, Frankfurt: Lucas Jennis 1618/20, Bd. 3, Tafel 10, Detail, UB Frankfurt, Sign. Occ. 1150, Bd. 3

Hierbei handelt es sich um die letzten zwei Embleme der sogenannten ‚Siegel der Philosophen‘ im genannten Werk von 1618. Diese sind eine bislang kaum beachtete Ansammlung von 160 kleinformatigen Medaillons, die mit einer lateinischen Devise versehen und jeweils einer alchemischen Autorität oder einem entsprechenden Traktat zugeordnet sind. Die kreisrunden Siegel bilden den krönenden Abschluss der Basilica philosophica, des dritten Teils des Opus medico-chymicum, das von Lucas Jennis in Frankfurt verlegt wurde und unter anderem die großformatige Alchemische Weltlandschaft enthält. Das durchdachte inhaltliche und ästhetische Konzept der Publikation zeigt sich darin, dass die bereits auf dem Titelblatt dominierende Kreisform, die auf die Vernetzung aller Dinge und die Sphärenmodelle abhebt, in der letzten Bildserie des Buches noch einmal in ihrer semantischen Bedeutung unterstrichen wird. Während einige Illustrationen der Abhandlung von Merian d.Ä. angefertigt wurden, ist der Künstler der 160 Siegel, die als ein bebildertes, mit zahlreichen Symbolen und Allegorien bestücktes Autorenregister fungieren, bislang unbekannt. Das intellektuelle Zusammenwirken des Frankfurter Alchemistenkreises und das Interesse an einer Kanonbildung in der Alchemie zeigen sich in der strikten inhaltlichen Anlehnung der Siegel an die von Michael Maier (1569-1622) zusammengestellten Lehrsätze der Alchemie und deren historisierende Anordnung in Maiers Symbola aureae mensae duodecim nationum (1617). Eindeutig rezipiert Mylius in den Siegeln das von Maier gesammelte Wissen zu den Theorien und der Entwicklung der Alchemie, wobei er sich mit seinem bildnerischen ‚Exzerpt‘ und der Zugabe selbstgebildeter Sentenzen zugleich akkurat an die Abfolge des historischen Abrisses hält. Als Fundus für Bildvorlagen dienten dem Entwerfer gedruckte Alchemica illustrata, wie die Pandora (Basel 1582), der Splendor solis (Rorschach 1582) oder die in Frankfurt bei Johann Bringer erschienene Occulta philosophia (1613). Große Teile des katalogartigen Bilderzyklus der alchemischen Autoritäten sind indes ikonographische Inventionen, zumindest sind, anders als bei den Sinnsprüchen, bislang noch keine eindeutigen Vorlagen indentifiziert. Die Bildredaktion übernahm Mylius.[1]Hild 1991, S. 62; Humberg 2012, S. 153-155 (dort S. 155, Anm. 4 zu Mylius als Bildredakteur). Einfluss der Bilderfindungen in den Publikationen Bringers auf die Alchemica illustrata Produktion bei … weiterlesen Zur weiteren Berühmtheit der emblematischen Siegel hat nicht zuletzt Daniel Stoltzius von Stoltzenberg (1600-1644) beigetragen, da er dieselben wahlweise ausgeschnitten und in sein persönliches Stammbuch eingeklebt hat. Im Verein mit seinem Freund Lucas Jennis hat Stoltzenberg die Siegel im Hortulus hermeticus flosculis philosophorum[2]Vgl. Digitalisat der Universidad Complutense de Madrid https://hdl.handle.net/2027/ucm.5320258712 oder Exemplar Wellcome Library, London, https://archive.org/details/hin-wel-all-00003086-001 (1627) für Liebhaber und ‚Nachkommen des Vulkan‘ herausgebracht.[3]Invenies in eo flores fontemque perennem, Quod juvet hinc oculis nare vel ore bibes. Vgl. Vorwort Stoltzenberg Hortulus, 1627, S. 2. Übersetzung Du findest in ihm (dem Hortulus) Blumen und nie … weiterlesen Dieselben sollten sich beim Anblick der Bilder mit nahezu allen Sinnen erfreuen und erholen.

Die letzten beiden Siegel – eine nicht gerade bescheidene Zugabe des Autors im Vergleich zu Maiers Abriss der Alchemie – haben einen porträthaften Charakter, beziehungsweise zeigen historisch nachweisbare Arzt-Philosophen, wenngleich Format und Qualität der Ausführung keine physiognomischen Details erkennen lassen. Auffällig ist aber der vom Künstler vorgenommene Wechsel zu einer räumlichen Darstellung, die die kulturelle Praxis der paarweise auftretenden Alchemisten darstellt. Auf dem Siegel mit dem in Gebetshaltung niederknienden Oswald Croll (1560-1609) wird die obere Hälfte des Hintergrundes von einer Bücherwand eingenommen. Darunter, auf der linken Seite, scheint sich eine Bank oder ein Regal zu befinden. Dort stehen ein alchemistisches Gefäß und eine Laute. Mit der Stirnseite zum Betrachter gedreht, steht in der Mitte des Raums ein etwas schräg gestellter länglicher Tisch. Auf dem Tisch sind vorne eine Kerze und dahinter eine Krone zu sehen. Die Krone spielt wohl auf die königliche Kunst an, als welche die Alchemie oft bezeichnet wurde. Die räumliche Darstellung in ihrer semantischen Verbindung von experimenteller und spiritueller Alchemie knüpft augenscheinlich an die imposante Darstellung des Laboratorium / Oratorium – also eines Arbeits- und Gebetsraums in Doppelfunktion – an, wie sie der Niederländer Hans Vredeman de Fries im Jahre 1595 für Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae entworfen hat.[4]Vgl. z.B. Forshaw 2006. Die rechte Seite des Raums wird von dem betenden Croll, der 1609 am Prager Hof verstarb, eingenommen, der einen Lichtstrahl empfängt, der das Schöpferwort fiat in sich trägt. Es ist Lateinisch und bedeutet es geschehe oder es werde, das göttliche Schöpferwort, das die Welt ins Dasein ruft.[5]Zit. nach: Biedermann, Hans, Eintrag fiat, in: Biedermann 1986, Bd. 1, A-K, S. 164. In der Vulgata (Gen. 1, 2) heißt es dixitque Deus fiat lux et facta est lux.

Die Pictura wird von einem lateinischen Schriftband umgeben, welches in der deutschen Fassung der Siegel der Philosophen von 1625, erschienen als Sonderdruck in der ebenfalls bei Jennis verlegten Traktatsammlung Dyas chymica tripartita,[6]Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus) (Hg.), Dyas chymica tripartita, das ist, Sechs herzliche deutsche philosophische Tractätlein. deren II. von an jtzo noch im Leben, II. von mitlern Alters, … weiterlesen übersetzt wird mit Diese Wissenschaft handelt nichts anderst als nur von verborgenen Sachen der Weisen Praeceptorum und Philosophorum.[7]Vgl. in ebd. beigefügt als Adligat Hermetico-Spagyrisches Lustgärtlein. Darinnen Hundert und Sechzig unterschiedliche schöne kunstreiche chymico-sophische Emblemata, oder geheimnisreiche Sprüche … weiterlesen Unterhalb charakterisiert die rechteckig eingefasste Bildunterschrift OSWALDVS CROLLI(us) Veteranus Philosophorum Discipulus Croll als erfahrenen ‚Schüler der Philosophen‘ aus dem hessischen Ort Wetter. Augenscheinlich diente das Medaillon als Bildvorlage einer heute in Nürnberg befindlichen Medaille auf die Transmutation (Abb.>),[8]Die Medaille ist abgebildet in Hartlaub 1959, Abb. 39, Erläuterung S. 50. Siehe auch Karpenko, Vladimír, Alchemistische Münzen und Medaillen, in: Anzeiger des GNM Nürnberg, 2001, S. 49-72, hier … weiterlesen die einmal mehr den Einfluss der Frankfurter Alchemica illustrata vor Augen führt. Auch hier erscheinen das große Bücherregal, der im Profil gezeigte, knieende Adept und das im Lichterstrahl erscheinende und verheißungsvoll auf das Endergebnis des Opus magnum verweisende fiat.

Das Pendant zu Crolls Siegel bildet die Darstellung des Autors des Opus medico-chymicum. Auch Johann Daniel Mylius wird im Laboratorium / Oratorium dargestellt. Vor dem Regal steht wie bei Croll ein Tisch, mit dem Unterschied, dass er hier auf einem Vogelbein ruht. Auf dem ungewöhnlichen Tisch reckt sich ein großer Vogel mit ausgestreckten Flügeln und offenem Schnabel in die Höhe. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um den Adler, der in der Alchemie die Sublimation der festen Materie in das Flüchtige symbolisiert.[9]Abraham 1998, S. 64-65. Hinter dem Adler befindet sich, neben einem zur Lektüre aufgeschlagenen Buch, ein prächtiger Globus, vielleicht eine Armillarsphäre. Im rechten Vordergrund steht ein Athanor, ein alchemistischer Ofen.[10]Vgl. Hans Biedermann, Athanor, in: Biedermann 1986, Bd. 1, A-K, S. 71-72. Das darauf zu erkennende Destilliergerät, vermutlich ein Alembik, unterstreicht, ebenso wie die Phiolen im Regal, Mylius‘ Position als praktizierender Alchemist. Auch hier tritt das Phänomen des Lichtstrahls auf, der abgegeben oder aufgenommen wird. In dem Lichtstrahl, der Mylius trifft, erscheinen die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, die den Anfang und das Ende repräsentieren. Auf der Umschrift wird in der deutschen Version von 1625 verlautbart Dises ist in den Meisterschafften und Göttlichen wegen wandlen dabey mein Herr Jesus Christus mein Geleytsmann ist.[11]Siehe Hermetico-Spagyrischen Lustgärtlein, hg. von Lucas Jennis, Frankfurt: Lucas Jennis 1625, S. 24 enthalten in Dyas chymica tripartita 1625. Online vgl. … weiterlesen Nahezu Rücken an Rücken beten die Alchemisten, wobei sich Mylius offenbar mit Oswald Croll, dem Verfasser der für ihn vorbildlichen Basilica Chymica (Frankfurt 1609)[12]Oswald Croll Basilica Chymica oder Alchymistische Königlich Klynod, Frankfurt am Main 1609. in einer Reihe sieht. Auffällig ist die in Alchemistenkreisen beliebte Laute, die sich sowohl auf dem Frontispiz der Basilica Chymica als Attribut des Paracelsus (Abb.), auf dem Tisch in Khunraths Laboratorium und ebenso in den beiden hier gezeigten Siegel-Porträts wiederfinden lässt. Dass Mylius mit seinem ganzfigurigen Porträt die lange Reihe der Philosophen und zugleich das gesamte, über 3000 Seiten umfassende Buch über den Stein der Weisen in der Medizin abschließt, spricht für das selbstbewusste Traditions- und Perfektionsdenken der Alchemisten.

Laraib Khan


Literatur

Heym 1937; Trenczak 1965, S. 329f.; Klossowski de Rola 1988, S. 133-155, Abdruck der 160 Medaillons mit engl. Übersetzung S. 140-155; Hild 1991, S. 61-64; Neugebauer 1993, Nr. 237, S. 306f.; Abraham 1998, S. 64-65; Völlnagel 2012, S. 174; Humberg 2012, S. 155-175 (mit einer Neuübersetzung der lateinischen Sinnsprüche)

Online Exemplar in der Ausgabe von 1618 in der UB Frankfurt und Neufaulage mit deutscher Übersetzung als Hermetico-Spagyrischen Lustgärtlein, hg. von Lucas Jennis, Frankfurt: Lucas Jennis 1625 enthalten in Dyas chymica tripartita 1625 UB Frankfurt

Endnoten
Endnoten
1 Hild 1991, S. 62; Humberg 2012, S. 153-155 (dort S. 155, Anm. 4 zu Mylius als Bildredakteur). Einfluss der Bilderfindungen in den Publikationen Bringers auf die Alchemica illustrata Produktion bei Lucas Jennis und Johann Theodor de Bry vgl. die Aufsätze von Wagner 2022 (Sammelband zum Workshop von 2020 in Vorbereitung).
2 Vgl. Digitalisat der Universidad Complutense de Madrid https://hdl.handle.net/2027/ucm.5320258712 oder Exemplar Wellcome Library, London, https://archive.org/details/hin-wel-all-00003086-001
3 Invenies in eo flores fontemque perennem, Quod juvet hinc oculis nare vel ore bibes. Vgl. Vorwort Stoltzenberg Hortulus, 1627, S. 2. Übersetzung Du findest in ihm (dem Hortulus) Blumen und nie versiegende Quellen, Was Dich hier erfreut, wirst Du durch Augen, Nase oder Mund aufnehmen vgl. Hild 1991, S. 62, Anm. 67. Widmung an Philipp Hainhofer, Stoltzenberg Hortulus, 1627, S. 3. Rede von Jennis als amicum meum, ebd. S. 7.
4 Vgl. z.B. Forshaw 2006.
5 Zit. nach: Biedermann, Hans, Eintrag fiat, in: Biedermann 1986, Bd. 1, A-K, S. 164.
6 Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus) (Hg.), Dyas chymica tripartita, das ist, Sechs herzliche deutsche philosophische Tractätlein. deren II. von an jtzo noch im Leben, II. von mitlern Alters, und II. von ältern Philosophis beschrieben Worden. nunmehr aber allen Filiis doctrinae zu Nutz an Tag geben, und mit schönen Figuren gezieret, Frankfurt: Lucas Jennis 1625 vgl. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/drucke/content/titleinfo/11129889.
7 Vgl. in ebd. beigefügt als Adligat Hermetico-Spagyrisches Lustgärtlein. Darinnen Hundert und Sechzig unterschiedliche schöne kunstreiche chymico-sophische Emblemata, oder geheimnisreiche Sprüche der wahren hermetischen Philosophie, hg. von Lucas Jennis, Frankfurt: Lucas Jennis 1625, S. 24, Abb. mit Siegel S. 25, enthalten in Dyas chymica tripartita 1625, z.B. auch URL:https://archive.org/details/dyaschymicatripa00gras/page/24/mode/2up Dort sind die großen Faltblätter mitsamt der Alchemischen Weltlandschaft nicht enthalten. Siehe auch Frankfurter Exemplar, dort alle Kompartimente enthalten http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/drucke/content/pageview/10980736.
8 Die Medaille ist abgebildet in Hartlaub 1959, Abb. 39, Erläuterung S. 50. Siehe auch Karpenko, Vladimír, Alchemistische Münzen und Medaillen, in: Anzeiger des GNM Nürnberg, 2001, S. 49-72, hier S. 59. – Der Hinweis auf die Medaille ist Stephan Laube und Sergei Zotov zu verdanken.
9 Abraham 1998, S. 64-65.
10 Vgl. Hans Biedermann, Athanor, in: Biedermann 1986, Bd. 1, A-K, S. 71-72.
11 Siehe Hermetico-Spagyrischen Lustgärtlein, hg. von Lucas Jennis, Frankfurt: Lucas Jennis 1625, S. 24 enthalten in Dyas chymica tripartita 1625. Online vgl. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/drucke/content/pageview/10980759 und http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/drucke/content/pageview/10980760.
12 Oswald Croll Basilica Chymica oder Alchymistische Königlich Klynod, Frankfurt am Main 1609.