Brief Michael Maier und Porträt Johann Hartmann Beyer

© Dr. Senckenbergische Stiftung, Frankfurt am Main, Die Portraitsammlung

Porträt Johann Hartmann Beyer, Kopie des Originals von Robert Forell (1858-1927), 1907, 126 x 102 cm, Porträtsammlung Dr. Senckenbergische Stiftung, Inv. Nr. 113 und Brief Michael Maier an Johann Hartmann Beyer (1563-1625) vom 20. Oktober 1617, UB Frankfurt, Sign. Ms. Ff. J. H. Beyer A Nr. 161, f. 207r

Johann Hartmann Beyer war der Sohn des lutherischen Prädikanten und Melanchthon-Schülers Hartmann Beyer. Er füllte das Amt des Frankfurter Stadtarztes aus, wurde 1612 Schöffe des Rates und 1614 für ein Jahr Bürgermeister der Reichsstadt am Main. Ihm gelang bereits 1613 der Aufstieg in die noble Patriziergesellschaft Frauenstein. Neben seiner lebenslangen Betätigung als praktizierender Arzt publizierte er auf dem Gebiet der Mathematik Überlegungen zur Berechnung von Flächen und Volumen, die ihm unter anderem den Kontakt mit Johannes Kepler einbrachten. Mit dem Maler Philipp Uffenbach kam Beyer gleichfalls über die Affinität zu arithmetischen Regeln in Berührung, da der Pictor doctus Uffenbach nicht nur Beyers Erkenntnisse rezipierte, sondern denselben als Korrektor für sein Buch De quadratura circuli mechanici (1616/1619) gewinnen konnte. Letzteres war bei Jennis erschienen und auch Beyer hatte Berührungspunkte mit Lucas Jennis.[1] Ob Arzt und Maler dessen Vorliebe für alchemische Literatur und rosenkreuzerische Gedanken teilten und welche Rolle dabei eventuell die Mathematik mitsamt der schwärmerischen Suche nach der Quadratur des Kreises gespielt hat, muss noch geklärt werden. Hinweise auf Interessenkonvergenzen gibt es, denn sowohl Beyer als auch Uffenbach haben sich 1623 in das – auch politisch brisante – Stammbuch des jungen Alchemisten Stoltzius von Stoltzenberg eingetragen (Eintrag Beyer> Uffenbach>). Außerdem beschaffte sich Beyer 1617 eine der hochaktuellen Schriften über den Stein der Weisen und die Rosenkreuzer.[2]

Beyers Verbindungen zu den alchemisch interessierten Kreisen in Frankfurt und im Alten Reich sind noch kaum untersucht. Bekannt ist hingegen aus dem Bereich der Alchemie-Forschung der ausführliche, über viele Informationen verfügende Brief des Arztalchemisten Michael Maiers vom 20. Oktober 1617 an den Stadtarzt. Hieraus geht hervor, dass Maier, obwohl er schon über ein Jahr in Frankfurt lebte, die Bekanntschaft Beyers noch nicht gemacht habe.[3] Maier, den nach eigener Aussage in Frankfurt – das ihm eher feindlich gesonnen war – ein Quartanfieber (Begleiterscheinung der Malaria) ereilt und ungeplant an die Stadt gefesselt hatte, spekulierte auf die Unterstützung Beyers, daher rührt die Widmungsepistel> des Tripus aureus von 1617 an den Adressaten. Gleichfalls widmete Johann Daniel Mylius 1618 sein umfangreiches Prachtwerk Opus medico-chymico dem anerkannten Beyer, dessen Privatexemplar, welches er womöglich persönlich aus den Händen des Autors erhalten hatte, heute in der Frankfurter Universitätsbibliothek aufbewahrt wird.

Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Beyer den beiden Arztalchemisten unter die Arme griff, vielmehr zeigte er sich in einem Brief von 1624 rückblickend äußerst skeptisch über Maiers Versuche, mit Aurum potabile (Trinkgold), dessen Rezept derselbe von dem englischen Arztalchemisten Francis Anthony (1550-1623) erhalten hatte, zu behandeln. Am eigenen Leibe hätte Maier bewiesen, dass das Mittel nicht funktionierte. Beyer beschließt seine brieflichen Ausführungen mit der ambivalenten Bemerkung, dass er sich durchaus wünschte, dass es so ein Gold gäbe oder dass man eines finden könne,[4] was allerdings Solis naturae filiis eo penetrare datur (dt. nur den Söhnen der Natur)[5] vergönnt sei. Vielleicht spricht hier bittere Enttäuschung aus seinen Worten?

In seinem handschriftlichen Bibliothekskatalog verzeichnete Beyer seine zahlreichen Spagyrik- und Alchemiebücher – übrigens in derselben Logik, mit der auch Lucas Jennis seinen Verlagskatalog aufbaute – unter der Großabteilung Medizin mit der zusätzlichen Unterbezeichnung Item, allerleÿ natürliche Kunstbücher (Abb.>).[6] Er sammelte die umfangreichen Paracelsus-Ausgaben, Publikationen Gerhard Dorns (der 1581 nach Frankfurt gezogen war und 1584 hier verstarb), Leonhard Thurneyssers und Martin Rulands im Verein mit den antiparacelsischen Werken seines langjährigen Brieffreundes Andreas Libavius (auch dessen Alchymia von 1606). Ebenso wenig fehlten die humanistisch motivierten Sammelschriften wie das berühmte Theatrum chemicum[7] (bei Beyer aufgeführt als Chymici theatri) mit kanonischen Alchemie-Traktaten von (Pseudo-)Albertus Magnus, (Pseudo-)Roger Bacon bis John Dee (erschienen ab 1602). Überdies stand in Beyers Bücherregal mit der Magia naturalis libri XX, Joh. Baptistæ Portæ Neapol. Franc. 1607 ‚der‘ Klassiker der Naturmagie, der im Frankfurter Verlag Hempel in deutscher Erstauflage erschienen war.[8]

Einen für die Naturphilosophie- und Alchemie-Forschung weitgehend ungehobenen Schatz stellt überdies die reiche Brief- und Autographensammlung dar, die Beyer zusammen mit seiner Bibliothek und dem handschriftlichen Katalog hinterließ und der Stadt schenkte.[9] Allein aus den hier themenspezifisch ausgewählten Namen der Briefabsender – eingeschlossen Michael Maier – lässt sich die Reichweite der Beyer’schen Vernetzung erahnen: Hieronymus Reusner, Daniel Mögling (der Großvater des gleichnamigen Rosenkreuzers), Oswald Croll>, Caspar Bauhin, Basilius Bessler, Johannes Faulhaber> und ebenso Andreas Libavius (von diesem rund 50 Briefe).[10]

Berit Wagner (2022)


Literatur

Kiefer, Karl, Die Familie Beyer, die Beyer’sche Stiftung und die Nachkommen der fünf Erbstämme, in: Frankfurter Blätter für Familiengeschichte 3, 1910, S. 113-115; Lorey, Wilhelm, Eintrag Beyer, Johann Hartmann, in: Neue Deutsche Biographie 2, 1955, S. 204; Berg, Carlo, Die Dr. Beyer’sche Stiftung, in: Limpurger-Brief 2001, S. 31-33; Leibenguth 2002 passim und S. 464-471 Abdruck des Briefs von Michael Maier mit Übersetzung; Zitter, Miriam, Ansichten eines Studenten. Briefwechsel des Johann Hartmann Beyer (1563-1625), in: Ars und Scientia im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, hg. von Cora Dietl und Dörte Helschinger, Tübingen 2002, S. 283-302; Bauer, Thomas, Johann Christian Senckenberg: eine Frankfurter Biographie 1707-1772, Societäts-Verlag, 2007, S. 43; Proescholdt, Joachim, Emporenmalerei aus St. Katharinen: ein Frankfurter Kleinod, Frankfurt 2007, S. 223f.; Hansert, Andreas, Geburtsaristokratie in Frankfurt am Main: Geschichte des reichsstädtischen Patriziats, Wien 2014, S. 221, 239f., 245-249, 255, 338, 394-397 (zur Dr. Beyer’schen Stiftung), 399, 406f., 474, 548; Fürbeth, Frank, „dieser Stadt Franckfurt legiren wir unsere Bibliothec“. Johann Hartmann Beyer und seine Bücherstiftung, Frankfurter Bibliotheksschriften 20, Frankfurt a.M. 2021

Ungedruckte Archivalien in der Universitätsbibliothek Frankfurt:

http://www.ub.uni-frankfurt.de/nachlaesse/beyer_johann-hartmann.pdf (Nachlassverzeichnis) , dasselbe hervorragend aufgearbeitet nach Namen und Jahreszahl bei Kalliope Verbundkatalog, dort auch eine innovative, digital aufbereitete Ansicht der Vernetzung möglich; Johann Hartmann Beyers handschriftlicher Bibliothekskatalog vgl. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-396575; verfasst von Johann Hartmann Beyer (1581-1582), Astronomisch-astrologische Kollektaneen http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/msneuz/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-48704

siehe auch die Briefe in der Regestensammlung aerztebriefe.de

Endnoten
  1. Jennis – genannt als Lukas Janisch – schenkte Beyer ein Exemplar der Emblemata Sacra von Daniel Cramer von 1625, Universitätsbibliothek Frankfurt, Signatur Jur. N libr. Ff. 10906. Vgl. Fürbeth 2020, S. 33 (Manuskript). Noch einen weiteren Kontaktpunkt gibt es: Jennis‘ Stiefgroßvater – Theodor de Bry – hatte von Hartmann Beyer ein Porträt angefertigt für Jean-Jacques Boissard, Icones Quinquaginta virorum illustrium doctrina & eruditione, Frankfurt: Theodor de Bry / Johann Theodor de Bry 1577-1599.

  2. Dr. Johann Hartmann Beyeri catalogus librorum, S. 103 verzeichnet De Lapide Philos. et, de Fraternitate rosæ crucis: Mich. Potier. 1617, was sich auf Michael Portier, Tractatus novus, Frankfurt: Hartmann Palthenius 1617 bezieht. Der Eintrag im handschriftlichen Bibliothekskatalog vgl. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30:2-396575

  3. Leibenguth 2002, Abdruck und Übersetzung S. 464-471; Tilton 2003, S. 113. Maier wollte in Frankfurt als Arzt praktizieren, was ihm verwehrt wurde.

  4. Brief Johann Hartmann Beyer an Johannes Hornung (Nürnberger Arzt), 20. März 1624. Leibenguth 2002, Abdruck und deutsche Übersetzung S. 472f., hier S. 473. Regest zu diesem Brief siehe hier aerztebriefe.de> Siehe dort auch Beispiele für die positive Bewertung des in England entwickelten Trinkgoldes. Brief Alexander Gill an Michael Maier in Francis Anthony: Apologia veritatis illucescentis, pro auro potabili: seu essentia auri ad medicinalem potabilitatem absque corrosiuis reducti […], London: Iohannes Legatt 1619, f. 4 r-v> oder Brief Daniel Sennert an Michael Döring vom 10. Juli 1619> und 02. August 1619>

  5. Brief Johann Hartmann Beyer an Johannes Hornung (Nürnberger Arzt), 20. März 1624. Leibenguth 2002, Abdruck und deutsche Übersetzung S. 472f., hier S. 473.

  6. Siehe ausführlich zur Bibliothek und zur Stiftung Fürbeth, Frank, „dieser Stadt Franckfurt legiren wir unsere Bibliothec“. Johann Hartmann Beyer und seine Bücherstiftung, Frankfurter Bibliotheksschriften 20, Frankfurt am Main 2020.

  7. Stefan Laube, Eintrag Theatrum chemicum. Siehe auch

    https://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_Chemicum#Band_2

  8. An dieser Stelle sei Frank Fürbeth herzlich gedankt für den Einblick in das transkribierte, noch unveröffentlichte Inventar des Johann Hartmann Beyer. Dort auch ein Emblembuch von Jean-Jacques Boissard, verlegt von Theodor de Bry 1593, S. 89.

  9. Zur Bibliothek Johann Hartmann Beyers siehe http://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian?Stadt-_Und_Universitaetsbibliothek_(Frankfurt)

  10. Die Sammlung Universitätsbibliothek Frankfurt, Ms. Ff. J. H. Beyer ist mit den Adressaten aufgelistet in Vgl. https://www.ub.uni-frankfurt.de/nachlaesse/beyer_johann-hartmann.pdf

  11. Vgl. Bachmann/Hofmeier 1999 passim. Kühlmann/Telle Frühparacelsismus, 2013, Teil 3, S. 716-718.