Stammbuch des Stoltzius von Stoltzenberg

hier gezeigt Lucas Jennis, Eintrag im Stammbuch des Daniel Stoltzius von Stoltzenberg, 1622-1628, Frankfurt 1622, S. 422f., Universitätsbibliothek Uppsala, Sign. Ms. Y 132 d

Das Stammbuch des Daniel Stoltzius von Stoltzenberg (geb. um 1600 in Kuttenberg (Kutná Hora), Böhmen, gest. nach 1644) ist eine unschätzbare Quelle zur Geistesgeschichte, Gruppenbildung und zur hohen Kunst des Netzwerkens in der Frühen Neuzeit. In ihm sind sowohl ein Destillat der alchemistischen Traditionen der Epoche als auch individuelle Inskriptionen von der Gelehrtenschicht im Europa des frühen 17. Jahrhunderts enthalten. Das Buch zeigt die rege Suche nach Wissen, die nicht nur den Stammbuchhalter, sondern seine ganze Zeit beherrschte.

Ein Stammbuch ist – wie der lateinische Name Album amicorum nahelegt – eine Art Freundschaftsalbum, das man Freunden, aber auch Fürsten und Adeligen, Gelehrten und anderen namhaften Leuten vorlegen konnte und in welches man diese bat, sich mit einem Zitat und einer kleinen Widmung, meistens mit Ort, Datum und Namen unterzeichnet, einzutragen. Die Praxis, ein Stammbuch zu führen, entstand in der Wiege der Reformation in Wittenberg, fand aber bald über das ganze protestantische Europa Verbreitung, als die Studenten ihre Stammbücher und damit auch die Stammbuchsitte auf ihre umfangreichen Bildungsreisen mitnahmen.

Stoltzius’ Stammbuch fungierte aber nicht nur als Freundschaftsalbum, sondern war auch eine Vorlage zum 1624 veröffentlichten Werk Viridarium chymicum (in demselben Jahr parallel auf Deutsch als Chymisches Lustgärtlein herausgegeben), einer Art Enzyklopädie, in der Kerngedanken der alchemistischen Literatur in 107 Kupferstichen dargestellt und die Bilder in ebenso vielen Epigrammen erklärt werden. Die Kupferplatten hatte Stoltzius vom Verleger Lucas Jennis, einem der hervortretendsten Herausgeber alchemischer Texte dieser Zeit, erworben. Jennis hatte die Stiche in früheren Publikationen verwendet; u.a. entstammten sie den Bildern in Azoth, sive Aureliae occultae philosophorum (1613), herausgegeben vom Frankfurter Verleger Johann Bringer, Septimana philosophica (1620) vom Rosenkreuzer Michael Maier und Philosophia reformata (1622) vom Arzt-Alchemisten Johann Daniel Mylius.

Im Vorwort zum Chymischen Lustgärtlein erklärt Stoltzius seine ursprüngliche Absicht, die Bilder zu einem Stamm: Freund: vnd Gesellenbuch zuverfertigen / welches mein Gesicht mit künstlichen Figuren ergetzete / vnd mein Gemüth mit einem heimlich deuttenden Vestand belustigte. Jennis habe ihm dabei nicht nur die Kupferstücke bereitgestellt, sondern ihn auch ermuntert, die erläuternden Gedichte dazu zu schreiben. Damit folgte Jennis der Intention, die Stiche erneut in der Form einer Art Emblembuch zu drucken, zu dem also das Stammbuch eine Vorstufe darstellte. Solche Bücher, in denen Bild, Motto und Gedicht interpretatorisch zusammenwirken und gemeinsam das Emblem bilden, waren zu dieser Zeit sehr beliebt. Aber auch Stoltzius’ Entschluss, die Stiche mit eingeschossenen leeren Blättern einzubinden und als Stammbuch zu verwenden, baute auf bewährten Praktiken auf, denn seit alters wurden gedruckte Emblembücher gerade als Freundschaftsalben gebraucht.

Das persönliche Stammbüchlein begleitete Stoltzius in den Jahren von 1622 bis 1628 und die 194 Einträge erlauben, seine Reisen durch Europa wegen der Medicin, wie es im Vorwort des Viridarium heißt, Schritt für Schritt zu verfolgen. Zu dieser Zeit war die Medicin mit der Alchemie eng verbunden. Besonders durch Paracelsus hatten die alchemistischen Methoden und Theorien für die Zubereitung von Arzneimitteln große Bedeutung bekommen. Ähnlich wie die Astrologie etwas über die Einwirkung der Sterne auf den Körper sagen konnte (Stoltzius hatte 1618 und 1619 über astrologische Themen in Prag disputiert), offenbarte die Alchemie die Zusammensetzung aller Dinge und dürfte für den Medizinstudenten keineswegs ein Seitenpfad gewesen sein.

Der chronologisch erste Eintrag im Buch stammt von niemand anderem als dem Verleger Lucas Jennis und ist 1622 in Frankfurt unterzeichnet.[1] Bald darauf (1622/23) ging die Peregrinatio academica nach Kassel – kaum durch Zufall, denn der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel war ein Liebhaber der Alchemie; in seinem Laboratorium versuchte er selbst, den Stein der Philosophen herzustellen, und um ihn herum sammelte sich ein namhafter Kreis von Alchemisten. In Kassel befand sich seit Kurzem auch Johannes Hartmann (1568-1631), den Stoltzius von seinen Studien in Marburg 1621 kannte. Dort hatte Hartmann die erste Professur für Chymiatrie in Deutschland bekleidet, bevor er im selben Jahr als Leibarzt des Landgrafen bestallt wurde. Sowohl er als auch sein Sohn, dessen Privatlehrer Stoltzius wurde, trugen sich ins Stammbuch ein. Aber auch Mylius, von dem viele der von Stoltzius verwendeten Bilder stammten, gehörte zu den Inskribenten in Kassel (Abb.>). [2]

Von Hessen ging die Reise nach England, wo sich 1623 unter anderen der große Alchemist und Naturphilosoph Robert Fludd verewigte (Abb.>).[3] Vor seiner Rückkehr auf den Kontinent besuchte Stoltzius auch den Ort Stratford-Langton. Dort traf er den Erfinder und Naturwissenschaftler Cornelius Drebbel (1572-1633), der von Prag – wo er sich u.a. mit der Alchemie und der Konstruktion eines (patentierten) perpetuum mobile beschäftigt hatte – nach England geflüchtet war. In Stoltzius’ Stammbuch malte der Schüler des niederländischen Kupferstechers Hendrick Goltzius mit Gouache und Feder sein Selbstporträt und überschrieb es mit seinem berühmten Motto: Oefend u gaven recht (Nutze deine Gaben richtig) (Abb.>).[4] Danach kehrte Stoltzius auf den Kontinent zurück. Im Frühjahr 1624 hielt er sich als Medizinstudent in Basel auf und wurde zum Poeta laureatus gekrönt; schon im folgenden Sommer zeigt ihn das Stammbuch aber unter Medizinprofessoren in Padua und Venedig, bevor er dasselbe Jahr nach Böhmen zurückkehrte. Nach einem Aufenthalt in Genf 1626, wo er sich vor allem mit Studenten und Professoren der Theologie unterhielt, setzte er 1627 die medizinischen Studien in Lyon und Paris fort.

Bezeichnend ist, dass Stoltzius sich auf seiner akademischen Reise – wie sein Stammbuch deutlich zeigt – weniger zu den Universitäten als vielmehr zu den von den Lehren des Paracelsus beeinflussten Ärzten hingezogen fühlte. Durch ihre Einträge bekunden sich diese häufig als Adepten einer hermetischen Tradition, die teilweise außerhalb der Akademie florierte. In diesem Sinn ist das Stammbuch des Stoltzius ein Ausdruck sowohl des alchemistischen Wissens der Zeit als auch des paracelsischen Lehrsatzes, der vollkommene Arzt müsse seine Erkenntnisse jenseits der Bücher suchen.

Sebastian Cöllen


Literatur

Karpenko 1973, S. 270-272; Hild 1991; Kühlmann 2006; Karpenko, Vladimír, Daniel Stolcius and Emblematic Alchemy, in Akat. Alchemy and Rudolf II 2016, S. 719-739

Online-Edition vgl. Alvin: Platform for digital collections and digitized cultural heritage https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-record:103741 bearb. von Sebastian Cöllen

Endnoten
  1. Eintrag des Lucas Jennis in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, 1622-1628, Universitätsbibliothek Uppsala, Ms. Y 132 d, S. 422f.

  2. Mylius trägt sich mit einem Zitat aus dem alchemistischen Text Rosarium philosophorum (16. Jh.) ins Stammbuch ein: Mulier est quoddam receptaculum virilis seminis, quia conservat ipsa semen in suis cællulis et matrice, et ibi nutritur, et pullulat usque ad tempus maturitatis: Ideo eligamus sibi nunc conjugem, ut receptivum sui seminis habeat, quam possumus sic eligere in Uxorem, quæ propinquior est sibi in simplicitate et puritate: quia nihil propinquius Viro quam Uxor, quæ sunt ομογενέα. Darauf folgt ein Motto: Jehovah gratiâ plenus. Er unterschreibt mit Namen, Ort und Datum: scripsi Johann Daniel Mylius | Theologiæ ac Medicinæ Candidatus: casellis 17. Jan: anni 1623, und schließt mit dem Titel: Veræ Fidei Rosæque Comes. Eintrag des Johann Daniel Mylius in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, S. 134.

  3. Eintrag des Robert Fludd in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, 1622-1628, Universitätsbibliothek Uppsala, Ms. Y 132 d, S. 297; Eintrag des Cornelius Drebbel, ebd. S. 92f.

  4. Eintrag des Cornelius Drebbel in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, S. 92. Auf der nebenstehenden S. 93 befindet sich ein Kupferstich, der zeigt, wie Thomas von Aquin die Entstehung der Metalle aus Schwefel und Quecksilber lehrt (vgl. Chymisches Lustgärtlein, Fig. XXIII). – Zum Motto vgl. Keller, Vera, How to Become a Seventeenth-Century Natural Philosopher. The Case of Cornelis Drebbel, in: Silent Messengers. The Circulation of Material Objects of Knowledge in the Early Modern Low Countries, hg. von Sven Dupré und Christoph Lüthy, Berlin 2011, S. 125-151, hier S. 135.