Uffenbach, Stammbucheintrag Stoltzenberg, 1622

Philipp Uffenbach, Eintrag im Stammbuch des Daniel Stoltzius von Stoltzenberg, 1622-1628, Gouache, Frankfurt 1622, hier S. 379, Universitätsbibliothek Uppsala, Sign. Ms. Y 132 d

Die drei ersten Einträge im Stammbuch des Daniel Stoltzius stammen aus dem Jahr 1622, aber nur zwei von ihnen aus Frankfurt, der dritte folgte im November in Kassel. Nach Lucas Jennis, dem Freund und Verleger des Daniel Stoltzius, trug sich als zweiter und damit einziger weiterer Frankfurter in diesem Jahr der Maler Philipp Uffenbach (1566-1636) in dieses Stammbuch ein.[1] Bis 1628 folgten zwar noch zahlreiche Einträge in Stoltzius‘ Stammbuch, allerdings enthielt es außer dem des Malers nur noch den von Matthäus Merian d.Ä. als Eintrag eines bildenden Künstlers.[2] Anders als bei Merian, ohne den die Bebilderung der Frankfurter Alchemica illustrata undenkbar ist, liegen die Gründe für Uffenbachs Eintrag in das Stammbuch eines Paracelsisten und Alchemisten jedoch nicht auf der Hand, denn Uffenbachs Verhältnis zur Alchemie ist weitgehend unerforscht.

Uffenbach war nicht nur Maler, sondern auch Autor zweier Bücher. 1598 hatte Paul Brachfeld in Frankfurt am Main Uffenbachs Zeitweiser der Sonnen uber die gantze Welt verlegt.[3] Hierin beschäftigte sich Uffenbach durchaus kundig mit der Konstruktionstechnik einer tragbaren Sonnenuhr. Zwei diesem Buch beigefügte Kupferstiche beweisen darüber hinaus Uffenbachs astronomische und auch astrologische Kenntnisse. Die den gesamten Text durchziehenden theologischen Betrachtungen, Ermahnungen und moralisierend ausgelegten Allegorien machen aber das Hauptanliegen des Autors deutlich: Einen Appell, dass nur durch die Rückkehr zu den ursprünglichen, reinen Verhältnissen der Menschheit mit der Bibel als der alleingültigen Norm des Glaubens und Lebens eine Errettung des sündigen Menschen möglich sei. In dem zweiten Buch, De quadratura circuli mechanici, hingegen erwies sich Uffenbach als sachkundiger Mathematiker, der sich auf 35 Quartseiten ausschließlich mit der Berechnung von Kreisinhalt und Kreisumfang sowie der praktischen Anwendung dieser Berechnungen beschäftigte. Obwohl er sich seiner Berechnungen sicher war, ließ er sie gleichwohl durch H. Johan Hartmann Beyern, der Artzeney D. durch seine arithmetische Regeln, approbieren und durchsehen […]. Der Frankfurter Mediziner Johann Hartmann Beyer war auch ein allgemein anerkannter Mathematiker. Sein Visierbüchlein, auf das Uffenbach sich in der Vorrede zur Quadratura bezieht, wurde 1603 von Jonas Rosen in Frankfurt am Main verlegt.[4] Beyer trug sich 1623 gemeinsam mit dem Arzt Peter Uffenbach, vermutlich ein Vetter Philipp Uffenbachs[5], ebenfalls in Stoltzius‘ Stammbuch ein. Philipp Uffenbachs Quadratura erschien in einer ersten Auflage 1616, der 1619 eine zweite Auflage folgte. Der Verleger war in beiden Fällen Lucas Jennis. Es ist naheliegend, dass Jennis den Studenten Stoltzius auf diese Werke aufmerksam machen und ihm eine Bekanntschaft mit dem angesehenen Frankfurter Maler empfehlen wollte.

Als Leitgedanken für seinen Stammbucheintrag wählte Uffenbach einen Spruch aus dem sogenannten Jakobus-Brief, mit dem die gesamte frühe Christengemeinde zu einer einwandfreien Lebensführung ohne Falschheit, Eigenlob, Habgier und Unterdrückung aufgefordert wurde.[6] Da der Maler fast das gesamte, 11,9 x 16 cm große Blatt für seine Zeichnung benötigte, konnte er das Motto nur senkrecht zur Bindung und textlich leicht verkürzt am linken Rand einfügen. Mit jetzt blass-bräunlich erscheinender Tinte schrieb er: Alle gute Gabe kommt von oben herab vom Vater des Lichts. Zur Illustration dieses Spruchs entwarf er einen dreidimensionalen Bildaufbau: In der mittleren Ebene befindet sich der blaue Erdball. Zu sehen ist die Südhalbkugel mit den Kontinenten Nord- und Südamerika, Asien und Afrika. Die unterste Ebene, den Abstieg zur Hölle und die dort drohend wartende Teufelsgestalt, verlegte Uffenbach an den Südpol. Im obersten, dem himmlischen Bereich umspannt ein zartrosa Wolkenband die Erde. Hier lagern drei nimbierte und geflügelte Engel, die schwarze, nummerierte Tafeln mit goldener Aufschrift halten. Der linke Engel im gelben Gewand präsentiert die Nummer 2, Philosophia, der rechtssitzende Engel im blauen Gewand die Nummer 3, Mathematica, und der unterste, grüngekleidete Engel die Nummer 4, Medicina. Ein vierter, zuoberst erscheinender Engel, dessen Augen zur Erde hinabgewandt sind, zeigt zwei weitere schwarze Tafeln. Die linke Tafel ist zweigeteilt und enthält in goldener Schrift die Aufforderung: Liebe Gott von gantzem Herzen und [Deinen?] Nechsten wie Dich selbst[7]. Die rechte, quadratische Tafel verkündet, ebenfalls in Gold, Ehr sei Gott in der Höge, Fried auf Erd. Dem Menschen ein Wohlgefallen[8]. Haupt, Nimbus und Flügel dieses Engels sind in den Goldglanz getaucht, der von dem Heiligen Geist in Gestalt der über ihm fliegenden Taube ausgeht. Mit großen Lettern schrieb Uffenbach links dieser Engelsgestalt Deus. Sacra Scriptura und rechts Verbum Dei Theologia. Die Theologie, die auf der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, beruht und die Heilige Überlieferung, das Evangelium, stellt Uffenbach gleichwertig nebeneinander. Und obwohl die Nummer 1 auf den Tafeln nicht zu erkennen ist, scheint eindeutig, dass für Uffenbach die wichtigste der Lehren und der Gaben Gottes die Theologia ist.

Enigmatisches, nur dem Eingeweihten sich Erschließendes, wie es in der Bebilderung der mystischen Gedankenwelt der Alchemisten vorherrschte, lag Uffenbach nicht. Seine Bildbotschaften sollten ohne andere als christliche Erklärungen und Auslegungen, bei denen er jedoch auszuhelfen bereit war, verständlich sein. Mit allegorischen Darstellungen, die er Figurae zu nennen pflegte, während er die einzelne Figur als Bild bezeichnete, war er durchaus vertraut und er bediente sich ihrer fleißig, um sein jeweiliges Anliegen mitzuteilen.[9] Sowohl sein frühestes bekanntes Werk, ein Kupferstich von 1586, Der Triumph des Todes, wie auch sein letztes, eine Handzeichnung von 1631, Der Philotechnos, sind solche Sinnbilder: Der Kupferstich enthält die all seinen Texten immanente Ermahnung zum gottesfürchtigen einfachen Leben ohne Eitelkeit, Gewalt und Hochmut, die Zeichnung des Philotechnos dagegen warnt vor den Gefahren, die einen Künstler am Erreichen des angestrebten Ruhmes hindern können, wie Armut und einengende Familienbande. Abgesehen von dieser letzten, ganz weltlichen allegorischen Darstellung benutzte Uffenbach Allegorien vor allem für die Übermittlung seiner christlichen Botschaften. So konnten sein protestantisches Ethos und seine Bibelgläubigkeit die heidnische Göttin Fortuna nicht als unabhängige und unberechenbare Schicksalsmacht, als gnadenlose Dämonin des Zufalls von Gunst und Ungunst, als die sie etwa seit der Spätantike betrachtet wurde, anerkennen. In seiner Radierung von 1592 zwang Uffenbach sie in einer völlig neuartigen Auffassung des allegorischen Bildes in den Heilsplan und damit unter den Willen Gottes: Alle guten und schlimmen Gaben, die sie zu verteilen scheint, kommen, so seine Aussage, in Wahrheit von Gott.

Vor allem aber die Ausschmückungen der beiden dem Zeitweiser der Sonnen beigefügten Kupferstiche werden Stoltzius Interesse geweckt haben. Die Stiche sollten auf Holzplatten aufgezogen und senkrecht zueinander aufgestellt werden. Die Grundplatte enthält die gnomonische Weltkarte mit Stundenlinien, Längen- und Breitengraden, wohingegen die hier besonders interessierende senkrechte Platte die himmlischen Verhältnisse beschreibt. Sie zeigt die der göttlichen Herrschaft unterworfenen Stunden- und Planetenstundenlinien mit den zugehörigen Tierkreiszeichen, eine Planetentafel und ein zu einem christlichen Leben ermahnenden Gedicht Uffenbachs. Den weltlichen Bereich unterhalb des Liniennetzes füllt er mit einer aus zahlreichen „Bildern“ bestehenden „Figur“, die ebenso wie das Gedicht die Vergänglichkeit alles Irdischen beruft und den Scheideweg zwischen Höllenqual und Erlösung in zum Teil winzigen Allegorien beschreibt.

Uffenbach präsentierte sich in seinen beiden Büchern vor allem als Naturwissenschaftler. Darüber hinaus aber verband er seine profunde Kenntnis der zeitgenössischen Mathematik, Geographie, Astronomie und Astrologie konfliktfrei mit einer alles beherrschenden Bibel- und Gottgläubigkeit. Er zeigte damit, dass Wissenschaft und christliche Kultur nicht im Widerspruch zueinander stehen. Hier könnte auch der Grund dafür gefunden werden, dass Stoltzius sein Stammbuch vor allen anderen zunächst dem Maler und Naturwissenschaftler Uffenbach, in dem er einen Geistesverwandten erkannt haben mochte, für dessen Ein trag vorlegte.

Am unteren Rand von Uffenbachs Zeichnung in Stoltzius Stammbuch, quasi ‚hinter‘ dem Wolkenband, komplettiert eine Widmung das Stammbuchblatt: Zu Ehren und Gedechtnus dem ehrwesten und wohlgelahrten Herrn Ma[gi?]st. Daniel Stoltzius mache ich dass Philipps Uffenbach maler im 1622. Jahr zu Frankfurt am Mayn. In Eyl.[10] Stoltzius wird diesen aphoristischen Stammbucheintrag des gelehrten Bekannten sehr geschätzt haben. Sollte er allerdings schon damals eine ausgeprägte Vorliebe für die Darstellungen in einer Farbe gehabt haben, wie er in der Vorrede an den freundlichen Leser des Chymischen Lustgärtleins mitteilt,[11] wird er die Ausgestaltung dennoch nicht als vollkommen empfunden haben. Denn Uffenbach benutzt so gut wie alle Farben auf der Palette für die Kreation seiner imago mundi und ihrer blonden Himmelsboten! Ungeachtet dessen wirken Stoltzius‘ Auslassungen zwei Jahre später in der Vorrede zum Chymischen Lustgärtlein stellenweise wie ein Narrativ von Uffenbachs Allegorie.

Ursula Opitz


Literatur

Hild 1991; Online-Edition vgl. https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-record:103741.

Zu Uffenbach

Opitz, Ursula, Philipp Uffenbach – ein Frankfurter Maler um 1600, Frankfurt am Main 2015.

Endnoten
  1. Es ist Daniel Solling, Forschungsarchivar am Institutet för sprak och folkminnen und ehemaliger Projektleiter bei der Digitalisierung des Stammbuchs, und Sebastian Cöllen, Bibliothekar der Uppsala University Library, zu verdanken, dass der Eintrag Philipp Uffenbachs aufgelistet wurde, der bislang nicht erkannt worden war. Heike Hild, die eine Dissertation zum Stammbuch verfasst hat, kennt Philipp Uffenbachs Eintrag nicht. Sie weist die Aquarellzeichnung kommentarlos Leo à Leonibus zu, der 1627 die gegenüberliegende Seite für seine Dedikation gewählt hatte. Vgl. Hild 1991, S. 220f. – Zu Philipp Uffenbach insgesamt vgl. Ursula Opitz, Philipp Uffenbach – ein Frankfurter Maler um 1600, Frankfurt am Main 2015.

  2. Matthäus Merian d.Ä., Der barmherzige Samariter, lavierte Federzeichnung, Eintrag in Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, 1622-1628, hier 2. Januar 1624, Universitätsbibliothek Uppsala, Ms. Y 132 d, S. 452.

  3. Bericht und Erklärung zweyer beygelegten künstlichen Kupfferstücken, oder Zeitweiser der Sonnen über die gantze Welt.

  4. Ein newe und schöne Art der Vollkommenen Visier-Kunst/Derengleichen hiebevor niemals in keiner Spraach gesehen worden.

  5. Vgl. Opitz 2015, S. 12. Die Autorin hält es für wahrscheinlich, dass Philipps Vater Heinrich und der Steindecker Peter Uffenbach, der schon 1552 Bürger in Frankfurt war, Brüder waren.

  6. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab vom Vater des Lichts bei welchem ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichtes und der Finsternis (Jakobus 1, 17).

  7. Matthäus 22,37.

  8. Lukas 2,14.

  9. Der Thesaurus Linguae Latinae nennt als eine im späteren Altertum gebräuchliche Bedeutung von Figura: Exemplum, Typus, Allegorie. Zit. nach Wolfgang F. Michael, Die Bedeutung des Worts Figur im geistlichen Drama Deutschlands, in: The Germanic Review, Vol. 21, 2016, S. 3-8. Auch Stoltzius verwendet das Wort Figura in diesem Sinne.

  10. Für Unterstützung bei der Entzifferung der Widmung danke ich Sebastian Cöllen und Daniel Solling, Uppsala.

  11. Vgl. ebd., Dann ich erachte es viel ein grössere Kunst zu seyn, etwas mit einer Farb vorzubilden, […] als solches mit vielen zierlichen Farben vorzustellen. Diese Äußerung machte Stoltzius mit Blick auf die Radierungen der Alchemica illustrata aus dem Hause Jennis.