Merian, Titelblatt Maier, Viatorium, 1618

Matthäus Merian d.Ä., Titelblatt für Michael Maier, Viatorium, hoc est, de monitibus planetarum septem seu metallorum, Oppenheim: Johann Theodor de Bry 1618, UB Frankfurt, Sign. 8° R 523.6701

Das radierte Titelblatt des Viatoriums von Michael Maier von 1618 ist ein weiteres prägnantes Beispiel der Alchemica illustrata aus dem Œuvre von Matthäus Merian dem Älteren. Auch hier werden zwei grundlegende Intentionen der Alchemieliteratur miteinander vereint: Die allegorische Verbildlichung einer alchemischen Theorie in Verbindung mit einer, für Unkundige nur schwerlich ergründbaren, Verschlüsselung. Die mittig gesetzte Titelei benennt hier zunächst den Autor und den Titel, es folgen eine kurze Zusammenfassung des Inhalts des Buches und schließlich die Verweise des Verlags. Sinngemäß aus dem Lateinischen übersetzt steht hier:

Michael Maier. Viatorium (dt. „Wegweiser“). Das ist, ein Diskus über die sieben Planeten oder Gebirge der Metalle; Eine Abhandlung, gleichermaßen nützlich, als auch scharfsinnig, von jener, als ein merkurischer Wegweiser in zweifelhafter Weise, oder als Ariadnefaden in einem Labyrinth, oder als Wegweiser in mitten eines riesigen Ozeans chemischer Irrtümer, jeder rationale Mensch, welcher die Wahrheit liebt, Gebrauch machen kann, auf der Suche nach dem universellen Heilmittel des roten Steines, welcher in diesen Gebirgen verborgen ist und von allen Medizinern begehrt wird. Oppenheim. Gedruckt von Hieronymus Galler. Im Auftrag von Johann Theodor de Bry. 1618.

Das Viatorium handelt somit von der Utilisierung der sieben essenziellen Metalle der Alchemie zum Erlangen des Lapis Philosophorum als Allheilmittel. Zudem werden hier der Charakter des Werkes als Wegweiser gesetzt, sowie eine klare Analogie zwischen dem Makrokosmos der Gestirne und dem irdischen Mikrokosmos gezogen. Demzufolge geht die Titelei konsequent Hand in Hand mit beigeordneten Illustrationen. Oberhalb, in der Achse der Titelei, sitzt ein Brustbild Michael Maiers im Halbprofil in einer Architekturnische. Die Rolle des Wegweisers wird durch den Kreiselkompass in Maiers linker Hand unmittelbar aufgegriffen, ebenso wie die verkleinerte, nun spiegelverkehrte Wiederaufnahme des Autorenportraits aus Maiers Atalanta fugiens von 1618. Zu Maier gesellen sich die zuvor genannten Himmelskörper, bzw. Metalle, in Form von Personifikationen. Hierbei ist die detaillierte und äußerst schwungvolle Ausführung der Figuren samt deren stoffreicher, durch die Bewegung aufgebauschte Kleidung hervorzuheben. Hell-Dunkel-Kontraste wurden von Merian, trotz des kleinen Formats, präzise eingesetzt, um eine hohe Plastizität und Dynamik zu schaffen, welche sich ebenso in dem malerischen Landschaftsausblick unterhalb der Titelei fortsetzt. Romantisch anmutende Felsformationen mit teilweiser Bebauung zerklüften einen breiten Fluss, dessen Uferzonen, dem von Frankfurt nicht weit entfernten Mittelrheintal vergleichbar, hoch aufsteigen. Ein einsames Segelboot überquert im Mittelgrund das Gewässer, dessen Ausdehnung der Künstler horizontalen Parallelschraffuren optisch vergrößert. Um den Schattenwurf der Felsen darzustellen, werden die parallelen Linien an den betreffenden Stellen gekreuzt. Die hauchfeinen Details einer in der Ferne gelegenen, wehrhaften Stadt mit vielen Türmen erzeugen eine große Tiefenwirkung und lassen die flankierenden, am Ufer sich gegenüberstehenden Figuren – Venus und Mars – als Protagonisten im Zusammenspiel von Natur, Alchemie und Astrologie auftreten. Die monumentale Inszenierung von Personifikationen in der Verbindung mit einer Landschaftsdarstellung ist ein für Merian typisches, auch bei der Alchemischen Weltlandschaft angewandtes, Stilmittel im Rahmen der Bebilderung der Alchemie, das zugleich das Verhältnis von ars und natura thematisiert.

Den einzelnen Personifikationen sind, neben ihren typischen Attributen, zudem die zwölf Tierkreiszeichen beigestellt, welche jedoch teilweise astrologisch nicht korrekt zugeordnet zu sein scheinen, ebenso wie einzelne alchemische Symbole. So ergeben sich im Uhrzeigersinn teils unkonventionelle Paarungen von Himmelskörpern, Metallen und Tierkreiszeichen, inklusive einzelner Ergänzungen nach klassischer Lesart. Die im einzelnen abweichenden Zuordnungen stellen möglicherweise jene bewusst inkorporierte Verschlüsselung der allegorischen Illustration dar. So können die Tierkreiszeichen beispielsweise, mit ihrer Konnotation in Bezug auf die vier Elemente, auch auf die Qualitäten der einzelnen Metalle im alchemischen Prozess verweisen oder auf bewusst dargestellte Gegensatzpaare. In Folge dessen steht hier der männliche Mars, mit zwei Tierkreiszeichen für Feuer und Wasser, der weiblichen Venus, mit zwei Vertretern der Erde und der Luft, unmittelbar in der unten dargestellten Landschaft gegenüber. Getrennt von einem riesigen Ozean der Irrtümer, nur zu überwinden mithilfe eines zuverlässigen Wegweisers.

Kristofer Schliephake


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 72, S. 89f.; Hollstein/Falk, Bd. XXVIA, 1990, Nr. 625 a-h

Ferguson, Bd. 2, 1906, S. 65; Telle, Sol und Luna 1980; Klossowski de Rola 1988, S. 127-132; Neugebauer 1993, Nr. 232, S. 299; Akat. Moritz der Gelehrte. Ein Renaissancefürst in Europa, Kassel (Weserrenaissance-Museum Schloss Brake), Eurasburg 1997, S. 353f.; Tilton 2003, S. 94; McLean, Adam, The Viatorum of Michael Maier. A 17th century English manuscript translation, Glasgow 2005; Hofmeier 2007, S. 11, 36; Laube, Stefan, Metalle zwischen Götterbild und Planetensymbol, Akat. Goldenes Wissen 2014, Kat. Nr. 2, S. 178f., Abb. 60