Merian, Autorenporträt Michael Maier, 1617

Matthäus Merian d.Ä. Autorenporträt Michael Maier und Wappen, 1617, Radierung, bez. Aetatis svae 49 Ao 1617, hier gezeigt: Frontispiz in Michael Maier, Septimana philosophica, Frankfurt: Lucas Jennis 1620, UB Frankfurt, Sign. 8° P 5.75

Michael Maiers Erscheinungsbild – und ebenso sein Geburtsjahr – ist uns primär durch Merians Autorenbild von 1617 bekannt, das Maiers Symbola aurea mensae (1617), der Ausgabe der Atalanta fugiens von 1618 und Septimana philosophica (1620) vorangestellt ist.[1] Im Titelblatt von Maiers Viatorium findet sich eine Miniaturversion in Vignettenform wieder. Laut Inschrift der Radierung hat sich Maier im Alter von 49 Jahren porträtieren lassen und zeigt sich, entsprechend seiner gehobenen Position, mit höfischer Gewandung. Bereits im Jahre 1609 wurde er durch Rudolph II. in das Amt des Pfalzgrafen erhoben, was ihn dazu befugte, ein eigenes Wappen zu führen. Maier bat im Zuge seiner Erhebung in dieses Amt darum, sein Wappen, das er selbst entwarf, mit einer besonderen Symbolik bzw. Bildgebung zieren zu dürfen, und fand Bestätigung.[2] Im bemerkenswerten Dankschreiben an den Kaiser präsentierte Maier in dieser Angelegenheit seine alchemisch-ikonographische Kennerschaft und erbot sich, dieselbe zum Besten zu geben:

Allergnädigster Kaӱser, Es sagt Avicenna der/ warhafte Hermetisch Philosophus in seiner Porta Elementorum,/ Ein Adler, welcher fleucht durch die Luft, und eine Kröte,/ welcher krigt auf der erde, sey die Meisterschafft; da vorsthet er durch den adtler das fluchtige theil des/ gemeinen Argenti vivi, durch die erdische krichende Kröte,/ das fixe theil der erden, von diessen beiten ist zusamen gefuget die Hermetisch Medicin und Tinctur/ der weissen, wie ich hernach Eur. May: mit grossem Lust weitleuftig zu erkleren habe […] so ist mein untertänigste bitte, Ihr May: wolle mir beuelen, solchem philosophischem symbolo einen geduppelten helm erblichen verleihen und mit theilen; wie dan dergeleichen/ zwei helme auf einem schilde die vom adel/ meistes theiles zu österreich.[3]

Das neu kreierte Wappen Maiers prangt im oberen rechten Bildfeld neben der Figur (Abb.). Die heraldischen Insignien auf der rechten Hälfte des Wappens zeigen folgerichtig eine Kröte und einen Adler, die durch eine goldene Kette miteinander verbunden sind. Diese Symbolik ist ein direkter Hinweis auf die coniunctio oppositorum, die Verbindung der Gegensätze, und geht auf verschiedene Quellen wie (Pseudo-)de Mehungs Schrift zur Demonstratio natura[4] u.a. im Musaeum hermeticum und laut Maier selbst auf Avicenna zurück.[5] Im Dankschreiben an Rudolph II. gibt Michael Maier zudem eine auf Pseudo-Avicenna basierende Erklärung zu dieser Symbolik wieder, in der der Adler als der volatile oder flüchtige Teil, das argentum vivum (Quecksilber), und die Kröte als der fixe, irdische Teil des Großen Werkes bezeichnet wird. Zusammengefügt stehen sie für die Hermetisch[e] Medicin und Tinctur.[6] Die goldene Kette, die aurea catena, ist ein mittelalterliches alchemistisches Symbol und wird bereits durch Pseudo-Johann de Mehung als Versöhnung der Gegensätze bezeichnet. Aus den Quellen und Maiers eigenen Ausführungen, auch zu Emblem V und XLIII,[7] zu der Symbolik seines Wappens ist ersichtlich, dass der Geist, in Form des Adlers, die Absicht hat, sich zu erheben und die irdische Langsamkeit und Schwere, in Form der Kröte, durch die ars regia zu überwinden.[8] Die Bildgebung ist zudem ein direkter Hinweis auf den alchemistischen Transmutationsprozess im weitesten Sinne, in dem der Umwandlungsprozess von Blei in Gold verstanden wird, in dem aber auch die Kräfte des Universums und der Reinigungsprozess der Seele gründen. Diese Symbolik in Maiers Wappen weist demnach auf wichtige Faktoren in Maiers Leben und Werk hin: das Streben nach Transmutation sowohl der Materie als auch des Geistes.[9]

Die linke Hälfte des Wappens zeigt einen Lorbeerast, aus dem drei Zweige entwachsen. Diese Zweige können in direktem Zusammenhang mit der stolzen Bildunterschrift zum Autorenporträt gesehen und mit den drei Titeln, die Maier führt, dem Doktor der Philosophie und der Medizin und dem Poeta laureatus, in Verbindung gebracht werden.[10] Die Bildunterschrift besagt weiter, dass Maier Mitglied des kaiserlichen Konsistoriums, Pfalzgraf, Ritter und ehemaliger kaiserlicher Hofarzt war. Das Wappen wird schließlich gekrönt von einer Wiederholung des Lorbeerzweiges mit drei Zweigen und von einem Adler oder einer Taube, dem Symbol für den Heiligen Geist oder auch die göttliche Erkenntnis, mit einem Ring im Schnabel, dem Symbol der Ewigkeit.

Sonja Gehrisch


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 69, hier S. 85; VD17 23:234619W

Hartlaub 1959, Tafel 53; De Jong 1969; Tilton 2003; Telle 2004; Hofmeier 2007, S. 10-15; Bauer 2012

Endnoten
  1. De Jong 1969, S. 1f.

  2. Tilton 2003, S. 245.

  3. Dankschreiben an Rudolph II., o.D., gez. Michael Maierus, Med[icinae] D[octor], Prag, ca. 1609, Akt.-Nr. 6944, fol. 24r-25r, zit. nach Tilton 2003, S. 77f.

  4. Vgl. Modersohn 1997, S. 173ff. Ehemals Johann de Mehung (Jean de Meung) zugeschrieben, die aktuelle Zuschreibung gilt Jean Perréal (ca. 1460-1530).

  5. Vgl. De Jong 1969, S. 2f.: Nach Maier hat diese Darstellung ihren Ursprung bei Avicenna. Maier verwendet diese Darstellung als Emblem für Avicenna in Symbola aurea mensae, das von folgendem Motto begleitet wird: Aquila volans per aerem et bufo gradiens per terram, est magisterium. Michael Maier, Symbola aurea mensae, Frankfurt 1617, S. 192. Diese Darstellung kann nach De Jong allerdings bereits auf ein Emblem in Francesco Colonnas Hypnerotomachia Polifili (Venedig 1499) und dessen Rezeption in den Emblemen von Andrea Alciato (Emblematum liber, Augsburg 1531) zurückgehen, wobei die Ableitung der Bedeutung dieser Embleme wahrscheinlich nicht der Bedeutung der Bildgebung in Michael Maiers Wappen entspricht. Das Motiv des Adlers und der Kröte kehrt zudem in den Emblemen V und XLIII der Atalanta fugiens wieder. Vgl. Tilton 2003, S. 78.

  6. Vgl. Dankschreiben an Rudolph II., o.D., gez. Michael Maierus, Med[icinae] D[octor], Prag, ca. 1609, Akt.-Nr. 6944, fol. 24r-25r. Vgl. Tilton 2003, S. 77f.

  7. De Jong 1969, S. 78, S. 269ff.

  8. In Maiers Symbola aurea mensae folgen auf Maiers Autorenporträt vier Lobreden auf Maier und seine Ehren. Auch in diesen Huldigungen kehren die Motive wieder, die, wie der emporsteigende Adler in seinen Studien agieren, um die langsame Kröte aus dem kalten Boden zu heben. Aus den Texten ist ersichtlich, dass der Geist und die Seele (der Adler) die Absicht haben sollten, sich zu erheben und die irdische Langsamkeit und Schwere (die Kröte) durch die ars regia zu besiegen. Vgl. Michael Maier, Symbola aurea mensae, Frankfurt 1617, o.S.

  9. De Jong 1969, S. 2f.

  10. Tres schola, tres Coesar titulos dedit; Haec mihi restant, Posse bene in Christo vivere. Posse mori. Michael Maierus Comes Imperialis Consistorii cic. Philosoph et Medicinarum Doctor, P. C. C. Nobil. Exemptus For. Olim Medicus Caes. cic. Dt. Übersetzung vgl. Hofmeier 2007, S. 11.