Merian, Alchemische Weltlandschaft, 1618

Matthäus Merian d.Ä., Alchemische Weltlandschaft, in: Johann Daniel Mylius, Opus medico-chymicum, Frankfurt: Lucas Jennis 1618/20, hier Bd. 3, 1618, bez. Titel In praefationem tertiam / Basilicae Philsophicae; unten rechts MMerian. fecit. Aus dem Vorbesitz von Johann Hartmann Beyer, UB Frankfurt, Sign. Occ. 1150 Bd. 3

Die sogenannte Alchemische Weltlandschaft gilt als die Inkunabel der alchemischen Druckgraphik. Die Radierung, die sich durch eine malerische Ausführung und die komplexe Vereinigung unterschiedlicher inhaltlicher Zusammenhänge abzeichnet, entstand – zusammen mit dem Autorenporträt – im Jahr 1618 und ist eine der wenigen von Merian d.Ä. signierten Arbeiten. Das Systemblatt gehört zu einer 4er-Reihe ausklappbarer, doppelblattgroßer Tafeln des umfangreichen Opus medico chymicum, das sich mit allen, sonst häufig entnommenen Tafeln in der Frankfurter Universitätsbibliothek in einem bemerkenswert guten Zustand erhalten hat (Abb.).[1] Als krönender Abschluss der Praefatio (Einleitung) des dritten Teils und zugleich als Auftakt zur praktischen Herstellung der Universalmedizin im Schlussteil des Buches nimmt die Illustration eine wichtige Mittlerfunktion ein.

Das Lehrbild mit universalem Anspruch ist das bildnerische Äquivalent zu den Lehrsätzen der Tabula Smaragdina des bekannten Alchemisten Hermes Trismegistos mitsamt der figürlichen Darstellung des in der Mittelachse angeordneten Pansophen im Sternenmantel. Augenscheinlich handelt es sich bei der Gesamtkomposition nicht um eine klassische Landschaftsmalerei, sondern um eine idealisierte, mit mehr oder weniger klar zu deutenden Symbolen und Diagrammen aufgeladene ‚Weltlandschaft‘, die das ‚Oben‘ mit dem ‚Unten‘ in Verbindung bringt. Mittels der symbolischen Ausdrucksform unterschiedlicher Stufen des augenblicklich angehaltenen alchemistischen Prozesses wird dem Betrachter ein lehrreicher Einblick in die Grundlagen der Alchemie gewährt.

Das offen gehaltene, dynamisch verstandene System von Raum und Zeit bringt die Vielseitigkeit des Kosmos ins Bild. Abbildhaft werden die verschiedenen Kontexte durch eine stilistische Teilung gegliedert und mittels systematischer Komposition deutlich voneinander unterschieden. Neben der polyvalenten Umsetzung der Figuren Merians, die sich auch in einer Reihe seiner weiteren Werke wiederfinden – z.B. die Darstellung der Venusfigur, die sehr ähnlich bereits als Natura (Abb.) auf Merians Radierung Integræ Naturæ speculum, Artisque imago (1617) zu sehen ist –, spiegeln die enthaltenen Elemente-Allegorien mit ihren Attributen die Tradition alchemistischer Bildsprache wider. Die Polaritäten des Mikro- und Makrokosmos und charakteristische Divergenzen stellen in ihrer Vereinigung das höchste Ziel der Alchemie dar. Die Vollziehung des Zusammenfalls dieser Gegensätze schafft eine konzeptionelle Einheit der Radierung und reflektiert die Grenzen des Wissens, ohne diese zu verwerfen. Der Dualismus steht somit im direkten Wirkungsfeld gleichzeitiger Geschlossenheit. In himmlischer und irdischer Sphäre überlagern sich schlussendlich mythologische, christliche und hermetische Symbolik zu einem komplexen Bedeutungsgeflecht, dessen Geltungsbereich das Schöpfungslos und Inbegriff der Alchemie in einem ist. Das Prinzip der Natur fällt, mit dem Segen Gottes, in die Regie des Menschen, wobei das Systemblatt alle Energien und die Utopie der Alchemie resümiert. Die Vollendete Symmetrie der Linien, Formen und Ikonen des Stiches suggerieren einen harmonischen traktierten Weltaufbau vom kleinsten zum größten Glied und die Möglichkeit, diesen kraft der Alchemie konstruieren zu können. Die formale Ausgewogenheit des Stiches wird somit zum ästhetischen Ausdruck des Wunsches der Alchemie, das Ganze der Natur erkennen und operativ beherrschen zu können, sowie die Grenzen des Unmöglichen zu überwinden.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts verschiedentlich – und ohne den ursprünglichen Zusammenhang – in andere Publikationen integriert, ist die Alchemische Weltlandschaft für den genannten Traktat des in Frankfurt ansässigen Arztalchemikers Johann Daniel Mylius (1585-nach 1631) entworfen worden. Die Erstausgabe von 1618 mit dem gut durchdachten Versuch einer Darstellung des Lehrgebäudes der christlichen Alchemie kann man leicht von den späteren Nachdrucken und Kopien unterscheiden, da das Blatt mit der Überschrift In praefationem tertiam / Basilicae Philsophicae versehen ist. Die inhaltlich logische, aber nicht ursprüngliche Zugabe des Textes der Tabula Smaragdina – unterhalb der Druckgraphik – erfolgte erst in einer Version von 1678 (Abb.>) und ist, neben der veränderten Anordnung der insgesamt vier großformatigen Lehrtafeln, ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zum ‚Original‘ von 1618.

Der Titel – Alchemistische Weltlandschaft – wurde 1993 von Hartmut Böhme eingeführt und hat sich seitdem weitgehend durchgesetzt. Im Rahmen des vorliegenden Projektes wird von der Alchemischen Weltlandschaft gesprochen, da somit die Unterscheidung zwischen materialstofflicher und spiritueller Alchemie noch deutlicher hervorgehoben wird.

Yale Engel / Tess Sperber


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 97, S. 111, Abb. 81; VD 17 14:647009G

Mylius 1618, Teil 3 (Bd. 4) Praefatio in tertium tractatum (unpaginiert); Van Lennep 1966, S. 111; Hartlaub 1959, S. 39, Abb. 48; Trenczak 1965, S. 330; Putscher 1983, S. 27, Abb. 8; Klossoswki de Rola 1988, S. 133-155; Böhme 1993, S. 84-97; Neugebauer 1993, S. 307f.; Bachmann/Hofmeier 1999, bes. Der Imaginative Innenraum der Welt, S. 85-87; Brüning 2004, Nr. 1260; Biedermann 2006, S. 176-180; Böhme/Böhme 1996; Böhme 2014; Wagner Alchemische Weltlandschaft 2021

Quellen und Literatur zum Motiv der Ketten (vgl. annotierte Abbildung Intro: Weltldandschaft)

Raimundus Lullus (1232-1316), Liber de ascensu et descensu intellectus (1304), gedruckt Valencia 1512 (dt. Übers. Vom geistigen Auf- und Abstieg); Diego de Vallades, Rhetorica christiana: ad concionandi et orandi usum accomodata, Perugia 1579, nach S. 220 Holzschnitt mit Scala naturae (https://archive.org/details/rhetoricachristi00vala/page/n259/mode/2up)

Lovejoy, Arthur, The Great Chain of Being: A Study of the History of an Idea, Harvard University Press, 1936; Yates, Frances, The Art of Raimund Lull. An Approach to it through Lull’s Theory of Elements, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 17, Lonon 1954, S. 115-173; Formigari, Lia, Chain of Being, in: Dictionary of the History of Ideas, hrsg. v. Philip P. Wiener, New York 1968, Bd. 1, S.  325-333; Braungart 1989, S. 71; Schott 2005, bes. S. 11ff. (dort auch zur Vorstellung der Catena magnetica); Feuerstein-Herz, Petra, Die große Kette der Wesen. Ordnungen in der Naturgeschichte der Frühen Neuzeit, Wolfenbüttel 2007; Pfisterer, Ulrich (Hg.), Figurationen des Übergangs und die ‚Große Kette der Wesen‘ in der Renaissance, Wiesbaden 2017.

Zum Traktat und dessen Struktur Humberg 2012, S. 32-39

Endnoten
  1. Vgl.: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/10909888 ; Ein anderes, gut erhaltenes Exemplar befindet sich in der Universitätsbibliothek Lund vgl. https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-record:97737. Dort eingebunden in Trakat II, follo. pref. Tract. II: Basilica chymica, 1618. – Die anderen drei Tafeln siehe http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/11177000; http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/11176993 und http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/11176994. Siehe auch die Beiträge zum Opus medico-chymicum und Ikonographische Vorlagen Alchemische Weltlandschaft auf dieser Plattform mit weiteren Informationen und Links.