De Bry / Schwan / Merian (?), Drache, Zwölf Schlüssel des Basilius Valentinus, Dyas chymica tripartita, 1625

Johann Theodor de Bry / Balthasar Schwan unter Mitarbeit von Matthäus Merian d.Ä. (?), Dritter Schlüssel mit Drachen (1618), in: Fr. Basilii Valentini, Handgriffe uber die Bereitung des grossen Steins, S. 9, in: Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus) (Hg.), Dyas chymica tripartita, Frankfurt: Lucas Jennis 1625, UB Frankfurt, Sign. 8° P 194.6015

Verrätselte Tierdarstellungen sind in den Alchemica illustrata ein weit verbreitetes Mittel der Darstellung. Der hohe Stellenwert, den die wiederkehrenden Tiermotive einnehmen, liegt darin begründet, dass sie für verschiedene alchemistische Stoffe und alchemische Vorgänge oder Symbole stehen, also als allegorische Versinnbildlichung. Zusätzlich dazu dienen sie der Verschlüsselung und Geheimhaltung von Fachwissen.[1] Nicht zuletzt sind die Tiermotive häufig kunstvoll und poetisch ausgearbeitet. Interessant ist dabei auch der Drache, um den es hier exemplarisch gehen soll. Derselbe taucht im Dritten Schlüssel innerhalb des Traktates Handgriffe uber die Bereitung des grossen Steins, auch Die Zwölf Schlüssel des Basilius Valentinus genannt auf. Das Traktat der Zwölf Schlüssel zählt zu einem erstmals zwischen 1599 und 1602 von Johann Thölde herausgegebenen Textkorpus, das unter dem Namen des historisch nicht nachweisbaren, jedoch überaus populären Alchemisten und Mediziners Basilius Valentinus veröffentlicht wurde.[2] Dieses berühmte, im lateinischen Tripus aureus (1618) erstmals auch bei Jennis verlegte und aufwendig illustrierte Traktat,[3] erschien mit der Bilderserie von 1618 erneut 1625 in Frankfurt. In diesem Zusammenhang figurierten die Zwölf Schlüssel nun als eines von sieben Traktaten im weitgehend deutschsprachigen Sammelband Dyas chymica tripartita. Deutlich ist der technische und ästhetische Qualitätssprung von den Holzschnitten der Leipziger Ausgabe von 1602 zur Frankfurter Bilderserie zu erkennen (Abb.>). Die starke ikonographische Orientierung an den Vorlagen mag als Hinweis darauf zu verstehen sein, dass man im Zuge der humanistisch geprägten ‚Bebilderung der Alchemie‘ in diesem Fall von einer mittelalterlichen, als Kanon empfundenen Bilderhandschrift als Quelle ausging.

Das Traktat beinhaltet – passend zu den Schlüsseln – 12 Radierungen, die die stufenweise Herstellung des Steins der Weisen verdeutlichen sollen. Im Dritten Schlüssel sieht man im Vordergrund einen detailreich geschilderten, vierfüßigen Drachen, der nahezu den gesamten unteren und mittleren Bildbereich einnimmt. Man erkennt die Anspannung der Muskelfasern und die gestraffte, glatte Haut des scheinbar zum Sprung ansetzenden Ungetüms. Mit einem geschickt eingesetzten Netz aus Längs- und Kreuzschraffuren erzeugt der Künstler Hell-Dunkel-Kontraste und Schattenwürfe, die den Korpus des Drachen profilieren und mit monumentaler Wirkung von der ihn hinterfangenden Landschaft absetzen. Aus dem mit spitzen Reißzähnen bestückten, nur leicht geöffneten Maul ragt ein Pfeil. Direkt unter der platten Schnauze befindet sich der typisch gekrümmte, hornartige Drachenzahn. Die großen Füße sind mit jeweils vier Krallen ausgestattet. Drachendarstellungen mit vier Füßen sind nur selten zu finden, da dies aus aerodynamischer Sicht nicht plausibel erschien. Dieser Drache scheint auf dem Boden mehr Aufgaben zu erfüllen, dafür sprechen auch die stark ausgeprägten, raubtierähnlichen Muskeln des Korpus. Somit wirkt der Drache mit den verhältnismäßig kleinen, fledermausartigen Flügeln massiger und ausgeglichener proportioniert als seine Artgenossen mit nur zwei Füßen. Der Schwanz hat im Gegensatz zu vergleichbaren Drachendarstellungen Merians keine sichelförmige Schwanzspitze,[4] allerdings ist die offenbar an Dürers Drachenbildern geschulte Physiognomie gut mit den Drachenköpfen in der Atalanta fugiens vergleichbar (Abb.>).[5] Gerahmt wird die imposante Szene von der aufstrebenden Gebirgslandschaft mit massiv aufragenden Felsen und einer mittig angeordneten, äußerst wehrhaften Burg. Hier hat sich der Künstler im Vergleich zur Vorlage von 1602 wesentlich mehr Gestaltungsfreiheit erlaubt und betont die Schroffheit der Natur. Der Stich besitzt die für Merian typische Dynamik und Lebendigkeit, wenngleich die Landschaft stilistisch nicht Merian zuzuschreiben ist. Handelt es sich dennoch bei Schlüssel Nr. 3 um eine partielle (Mit-)Arbeit Matthäus Merians (vgl. auch Beitrag Tripus aureus)? Unterstützt würde diese Annahme durch eine Beobachtung von Wüthrich, der, wenngleich er die Arbeiten nicht Merian zuweist, unter anderem das Blatt mit dem Drachen in Beziehung zum Werk Friedrich Brentels (1580-1651) sieht.[6] Brentel war Merians Straßburger Lehrer in den Jahren 1612 bis 1615.

In der Alchemie werden grundsätzlich zwei Arten von Drachen unterschieden: Der Grüne Drache, welcher für das aggressive Königswasser (aqua regis) steht (Gemisch aus Salz & Salpetersäure, das stark oxidierend wirkt und edle Metalle auflösen kann[7]) und der Rote Drache, der die letzte Stufe des Opus magnum (rubedo) symbolisiert. Dabei wütet der Drache so lange gegen sich selbst, bis Blut das Endprodukt darstellt. Für die Darstellung des Grünen Drachens im Dritten Schlüssel spricht allein die Tatsache, dass der Zustand des rubedo gewöhnlich erst am Ende des Prozesses eintritt. Im Zweiten Schlüssel leitet der Text zur Vermischung von Salpeter und noch ein Saltz heißt Sal armonicum an (gemeint ist Salmiak), damit mit derartigem philosophischem Wasser der König gesaubert und gewaschen und zur gebührenden Ehre gebracht werden kann.[8] Im Dritten Schlüssel soll der Goldkalck aufgespalten, aufgelöst, gereinigt und zahlreiche Male destilliert werden, um schließlich – per Calcination – purpur farb Pulver (zu) bekommen, an der rothen Farbe wie ein Scharlach.[9] Anders als im gedruckten Urtext von 1599 oder im von Michael Maier verantworteten Tripus aureus (1618), kommen jetzt – im Gegensatz zu Purpurmantel, Drachen- oder Pelikanblut[10] – handfeste laboralchemistische Termini, Handgriffe und Experimentieranleitungen zum Tragen. Der allegorische Gehalt wird – und das ist in der Form spektakulär – vielmehr auf die Bilder ausgelagert. Der Text wird von Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus), sofern der Herausgeber tatsächlich auch zugleich der Autor des Traktats war, durchgehend in eine gut nachvollziehbare Laborsprache transformiert, weswegen der Drache nicht einmal mehr Erwähnung findet.

Gleichfalls verzichtet der Autor auf eine symbolische Schilderung der wiederholten Destillation und Pulverisierung des purpurroten Goldpulvers. Das Bild spricht für sich: im linken Mittelgrund befindet sich oberhalb des Drachens eine kämpfende Dreiergruppe, bestehend aus einem Fuchs und zwei Hähnen. Der Fuchs hat im Zuge eines ausladenden Sprungs eines der Federtiere gerissen, während sich das zweite auf dem Rücken des Raubtiers festkrallt und mit seinem Schnabel kraftvoll zuhackt. Dieser versinnbildlichte Kampf zwischen Luft- und Erdenwesen lässt auf die Abwechslung zwischen Kondensation und Sublimation schließen. Die rote Farbe des Fuchses spielt auf den Prozess der Rötung an, also den Wandel der Materie.[11]

Chiara Raaf / Berit Wagner


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 77, S. 95-97 (Basilius Valentinus, Vier Tractätlein von dem grossen Stein) und siehe auch ebd. Eintrag zu Tripus aureus, Nr. 172, S. 161f.; VD17  14:647009G

Klossowski de Rola 1988, S. 107-118; Geßmann, Gustav Wilhelm, Die Geheimsymbole der Chemie und Medizin des Mittelalters, Liechtenstein 1991, S. 26; Biedermann 2006, S. 140; Limbeck 2014.

Endnoten
  1. Zuletzt Forshaw Alchemical Images 2020.

  2. Johann Thoelde (Hg.), Ein kurtzer summarischer Tractat Fratris Basilii Valentini Benedectiner Ordens. Von dem grossen Stein der uhralten, […] mit seinen zugehörigen Figuren, […] Benebenst einem bericht/ von den fürnembsten Mineralien und ihren eigenschafften, Leipzig: Jakob Apel 1602. Vgl. das Online Exemplar der Universitätsbibliothek Halle http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/titleinfo/9843446

  3. Als Teil der dreiteiligen, lateinischsprachigen Traktatsammlung von Michael Maier, Tripus aureus, Frankfurt: Lucas Jennis 1618.

  4. Vgl. z.B. Merian, Emblem XXV, in: Maier, Atalanta fugiens, 1617/18, oder Buch Lambspring 1625, S. 91 und 99.

  5. Merian, Emblem L, in: Maier, Atalanta fugiens, 1617/18.

  6. Wüthrich Bd. 2, 1972, S. 162. Wüthrich schreibt die Radierungen Johann Theodor de Bry und Balthasar Schwan zu.

  7. Siehe Priesner/Figala 1998, S. 314 oder https://anthrowiki.at/Königswasser

  8. Fr. Basilii Valentini, Handgriffe uber die Bereitung des grossen Steins, S. 7f., in: Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus) (Hg.), Dyas chymica tripartita, Frankfurt: Lucas Jennis 1625.

  9. Ebd.

  10. Johann Thoelde (Hg.), Ein kurtzer summarischer Tractat Fratris Basilii Valentini Benedectiner Ordens. Von dem grossen Stein der uhralten, […] mit seinen zugehörigen Figuren, […] Benebenst einem bericht/ von den fürnembsten Mineralien und ihren eigenschafften, Leipzig: Jakob Apel 1602, S. 42f.

  11. Biedermann 2006, S. 140.