Schwan, Titelblatt Mylius, Philosophia reformata, 1622

Balthasar Schwan, Titelblatt für Johann Daniel Mylius, Philosophia reformata, Frankfurt: Lucas Jennis 1622, UB Frankfurt, Sign. Occ. 1054 (und weiteres Exemplar 8° P 192.5056)

Die Philosophia reformata von 1622 wurde von Johann Daniel Mylius (1583-1631) herausgegeben, umfasst zwei Bücher und entspricht paradigmatisch dem alchemischen Verlagsprogramm des Verlegers. Es handelt sich um eine grundlegende Abhandlung, die sich mit der spirituellen und theoretischen Alchemie sowie der praktischen Ausübung auseinandersetzt. Der Schwerpunkt der in lateinischer Sprache verfassten Druckschrift liegt auf Ausführungen zum Stein der Weisen und kompiliert eine große Anzahl von klassischen Zitaten und Texten, die kommentiert werden. Das erste Buch befasst sich mit der Entstehung der Metalle, den Normen und den zwölf Größen der Philosophie. Damit sind die zwölf Stationen zur Kreation des Steins gemeint. Weitergehend beschäftigt sich der in Frankfurt tätige Arztalchemist Mylius mit dem Mikro- und Makrokosmos sowie der Frage nach einer Göttlichkeit in Relation zur Kunst. Im Epilog werden sowohl grundlegende Themen der Philosophie als auch das Symbol des Saturns angesprochen. Im zweiten Buch erstrecken sich die Themenbereiche bis auf die alchemische Philosophie. Gewidmet hat Mylius seine Ausführungen dem Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz, was ihm politische Probleme einbrachte.

Den Anfang des Buchs bildet ein für den Verlag Lucas Jennis typisch gegliedertes Titelkupfer. Es ist, mit dem hochrechteckigen Titelfeld im Inneren, in zehn umlaufende Vignetten unterteilt. Ein einfach gestalteter Rahmen fasst die Vignetten ein und gliedert sie vom Titelfeld ausgehend links und rechts in jeweils vier senkrecht verlaufenden Vignetten. Additional ist jeweils eine querovale Vignette oberhalb und unterhalb des Titelfelds angebracht. Die Vignetten sind auf einem dunklen Hintergrund platziert und weisen eine helle Rahmung mit Rollwerk auf, sodass sie optisch hervortreten. Darüber hinaus befindet sich in der unteren linken Ecke auf dieser Rahmung die Signatur des Stechers: Baltzer Schwan fecit, dem wichtigen Künstlerkollegen Merian d.Ä. (Abb.).

Insgesamt zeigt der Bilderkranz verschiedene erzählfreudige, szenische Etappen zur Herstellung des Steins der Weisen. Im oberen Bildstreifen ist entsprechend links eine Frau mit Krone zu sehen, die in jeder Hand eine Pergamentrolle hält, und rechts ein Mann mit Krone. Er tritt in Begleitung eines Pelikans und eines Phönix auf. Diese Attribute sind als Embleme der alchemistischen Transmutation, materialiter wie spiritualiter zu verstehen. Zwischen dem gekrönten Paar ist oberhalb des Titelfelds eine ovale Vignette zu sehen, welche die schematische Darstellung des Verhältnisses von der Erde zum Kreislauf bzw. zur Umlaufbahn der Sonne abbildet. Die schwebende Erde ist in der Mitte platziert und um sie herum wird der Kosmos mittels des Fixsternhimmels angedeutet. Diagonal oberhalb der Erde befindet sich die Sonne mit einem Gesicht versehen, während der Mond direkt unterhalb der Erde dargestellt ist. Diese Anspielung auf Sol und Luna gipfelt in deren Personifikation in der mittleren Vignette des rechten Bildstreifens. Sie stehen für das grundlegend polare Prinzip des Makro- und Mikrokosmos, von Licht/Tag und Schatten/Nacht sowie von Mann und Frau und Gold und Silber. Bekanntlich war es das höchste Ziel der Alchemie, diese Polarität zu vereinen.[1]

Die unterhalb des Titelfeldes verortete, ovale Vignette zeigt eine Darstellung der Quadratur des Kreises. Hier erscheinen das Symbol der Vereinigung der vier Elemente (Quadrat) und der Kreis als Zeichen der Einheit. Der innere Kreis stellt die Einheit der vier Elemente dar. Von diesem Kreis umschlossen, bilden Frau und Mann eine androgyne Einheit. Das Quadrat wiederum spielt auf die drei Prinzipien – Salz, Schwefel und Quecksilber – und deren Transformierbarkeit an. Der äußere Kreis symbolisiert den Stein der Weisen.[2] Offensichtlich hat sich Schwan an Merians Darstellung des Pansophen bzw. der Göttergestalt des Hermes Trismegistos, der synkretistischen Vereinigung des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Gott Thot, als Geometer in Emblem XXI (Abb.) aus Michael Maiers Atalanta fugiens (1617/18) orientiert.

Ela Dutta


Literatur

VD17 39:123251E

Trenczak 1965, S. 330f.; McLean 1984; Klossowski de Rola 1988, S. 167-182; McLean, Adam, Mylius ‚Philosophia Reformata‘ series, http://www.levity.com/alchemy/s_mylius.html; Moran 1991, S. 111-114; Böhme 1996, S. 253; Adams/Linden 1998, S. 40; Szulakowska 2000, S. 188; Schütt 2000, S. 393ff.; Humberg 2012, bes. S. 197-318 und passim; Telle 2013, S. 489; Laube, Stefan, Eintrag zu Materie: Kombinatorik und Symbolik, in: Akat. Goldenes Wissen 2014, S. 186f.

Siehe auch http://www.levity.com/alchemy/amcl_mylius.html

Online Exemplar UB Frankfurt

Für den Kontext

Neumann, Ulrich, Mylius, Daniel, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 667-668 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd115532455.html#ndbcontent; Humberg 2012 allgemein zu Mylius

Endnoten
  1. Böhme/Böhme 1996, S. 245f. und S. 252f.

  2. Vgl. Böhme 1993.