Performative Bildstrategien für Alchemica illustrata

Die erste Tafel mit Adam im Garten Eden, in: Dionysius Andreas Freher, Jeremias Daniel Leuchter, Tables representing man in three different states (dt. Titel Drei Tafeln), Illuminierte Handschrift (ohne Titel), Wasserfarbe und Tinte auf Papier, England, 1717, Add. Ms. 5788, London, British Library

Wiederholt versuchten die Maler und Buchillustratoren, den alchemischen Allegorien der Verwandlung dynamische Bewegung zu verleihen. Von Merian d.Ä. wurde für diesen Zweck unter anderem die Strategie der Kreis- und Sphärendarstellungen verwandt. Auf der doppelseitigen Radierung Integræ Naturæ speculum, Artisque imago für den ersten Band von Robert Fludds Utriusque Cosmi Maioris (1617) hat Merian zehn Himmel in einer Art Scheibenmodell so dargestellt, als ob sie in Bewegung wären. Innerhalb von zehn Kreisen, die die Sphären des Himmels, der sieben Planeten sowie Feuer und Luft darstellen, wird die Erde als Symbol der Verbindung zwischen Makro- und Mikrokosmen gezeigt. Die Engel aus neun verschiedenen Chören umfliegen zehn Himmel und erzeugen die Illusion einer zentrifugalen Rotation. Eine vergleichbare Illusion von Dynamik erzeugt der Künstler auf der Alchemischen Weltlandschaft im Opus medico-chymicum von Johann Daniel Mylius von 1618.

Andere Maler definierten die Grenzen des Möglichen mit den Methoden der visuellen Übertragung von Bewegung neu. Peter Hille hat für Leonhardt Thurneyssers Abhandlung Astrolabium (1575)[1] beispielsweise bewegliche Details konzipiert, die als Armillarsphäre und Astrolabium fungierten. Die gelenkigen Cirkel und Lauff-Diagramme zeigen den Lauf verschiedener Planeten und Sternpositionen, was für katarchische Astrologie (die sich mit den guten und schlechten Daten für wichtige Ereignisse beschäftigt) maßgeblich war. Das Papierastrolabium ist von Szenen aus einem alchemischen Laboratorium flankiert, da Astrologie auch für Opus magnum – um die richtige Zeit der Operationen zu bestimmen – angewandt wurde (Abb.> / Abb.>).

Die Tendenz, die quasibeweglichen alchemisch-astrologischen Bilder zu stechen, wurde mit den einzigartigen Pop-up-Illustrationen von Andreas Freher und Jeremias Daniel Leuchter zum theologischen System Jacob Böhmes weiter fortgesetzt. Die drei Tafeln aus Frehers und Leuchters Buch zeigen, wie sich Böhme Adam in Eden vorgestellt haben könnten. Einzelne kolorierte Kompartimente können mehrfach aufgeklappt werden, und im Inneren sieht man eine komplexe Allegorie des inneren Aufbaus des Paradiesmanns (Abb.>). Zuerst kommt das heliozentrische Universum, bestehend aus sieben Himmeln, dem Tierkreisgürtel und der Erde, die sich allesamt um die Sonne drehen. Wenn man das Bild weiter aufklappt, nähert man sich unserem Planeten, und man sieht dessen Flugbahn neben den Flugbahnen der anderen Planeten. Wenn alle sieben Himmel nacheinander aufgeklappt werden, bleibt die Sonne im Körper des primordialen Urmenschen, was auf dessen Vollkommenheit und Einheit mit dem Universum hinweist. Um Adam herum befindet sich der Paradiesgarten, in dem alle Arten von Tieren leben. Im nächsten Enthüllungsschritt wird Adam in Rückenansicht gezeigt, so dass seine drei grundlegenden Eigenschaften demonstriert werden: Gefühl, Vernunft und Besitz der Astralseele.

Die letzten Bilder zeigen die fünf wichtigsten göttlichen Manifestationen, die aus Böhmes Buch Vom Dreifachen Leben des Menschen (1620) entlehnt wurden und in direktem Zusammenhang mit der Alchemie stehen. Die dem Menschen am nächsten liegende Manifestation ist das Feuer, die zerstörerische Kraft der Natur. Dann ist Tinktur dargestellt – das Prinzip der Schöpfung –; nachfolgend erscheint Mayestät – die Manifestation Gottes außerhalb der Natur, die unzugänglich für Menschen ist. Noch weiter vom Menschen entfernt ist die Dreyzahl – und in maximaler Entfernung der unerkennbare und nicht darstellbare Gott selbst, der durch das Tetragrammaton יהוה vergegenwärtigt wird.

Böhmes Sophia auf der dritten aufklappbaren Tafel der Serie ist mit der Personifikation der Natura von Merian vergleichbar. Die beiden nackten Körper sind mit den Darstellungen von alchemisch-astrologischen ‚Planeten‘ (Sol und Luna) verziert, und der Tierkreisgürtel bzw. Himmel umgibt sie in beiden Kompositionen. Die in den Frankfurter Verlagen Johann Theodor De Brys und Lucas Jennis’ entwickelten Scheibenmodelle Merians d.Ä. scheinen, wenn nicht ein Vorbild, definitiv eine Inspirationsquelle für diese komplexen Illustrationen zu sein.

Sergei Zotov


Literatur

Brink, Claudia/Martin, Lucinda/Muratori, Cecilia (Hg.), Light in darkness. The mystical philosophy of Jacob Böhme, Dresden, 2019 S. 147-153; Schirmacher, Katarzyna, Thinking in the Third Dimension. The Mounting of an Astrolabe, in: Journal of Paper Conservation, Vol. 17, Issue 2, 2016, S. 73-75.

Endnoten
  1. Vgl. Thurneysser zum Thurn, Leonhardt, Dess Martis Circkel und Lauff. Astrolabium, Holzschnitt; 59,5 cm x 46,0 cm, Gedruckt zu Berlin im Grawen Closter, Anno 1575, Dresden: SLUB Astron.71; http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/90024955; siehe auch Peter Hille, Dess Mercurij Circkel und Lauff, in: Leonhart Thurneysser zum Thurn, Der Planeten Circkel und Lauff, Berlin 1575, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abt. Historische Drucke, Libri impr. rari fol. 641