Merian, Titelblatt Fludd Anatomia, 1623

Matthäus Merian d.Ä., Titelblatt für Robert Fludd, Anatomiae Amphitheatrum effigie triplici, more et conditione varia, designatvm, Frankfurt: Johann Theodor de Bry 1623, UB Frankfurt, Sign. 8° P 5.51 (Abbildungen im UB-Exemplar nicht enthalten), hier gezeigt Exemplar Getty Research Institute, Sign. 369782, ID Nr. 1378-360

Für das Titelblatt von Robert Fludds Schauplatz der Anatomie (dt. Übersetzung) entwarf Merian d.Ä. eine komplexe Bildkomposition, die auf die drei Hauptabschnitte des Buchs hinweist.[1] Fludds Weltanschauung wird in ein geometrisches Sphärenmodell eingebettet. Die sonst übliche Rahmengliederung der Titelblätter ist entfallen. Ein Mensch, von dem lediglich der Kopf, Finger und Fußzehen zu sehen sind, präsentiert eine Scheibe, auf der drei große bebilderte Kreise und drei kleinere beschriftete Kreise zu sehen sind. Die kleinen Kreise enthalten knappe Erläuterungen zu den Darstellungen auf den größeren. Der äußere, die Scheibe umlaufende Schriftzug kann mit Der Mensch oder Mikrokosmos, der vortreffliche Behälter aller dieser Stoffe übersetzt werden.

Der obere Kreis – der dem dritten und unkonventionellsten Teil des Buchs entspricht – ist den seelischen und geistigen Eigenschaften des Menschen gewidmet. Dies leitet sich nicht nur von den Erläuterungen des Schriftkreises, sondern auch von den bildlichen Darstellungen ab. An den Ecken des in den Kreis eingeschriebenen Quadrats befindet sich jeweils ein Kopf. Diese Köpfe stehen für die vier Winde und die Erzengel Michael, Uriel, Gabriel und Raphael. Die geometrische Figur des aufgestellten Quadrats symbolisiert den Menschen, dessen wichtigster Inhalt Jesus Christus ist.[2] Der Mensch bzw. sein Geist umkreist Jesus, das Licht der Welt, was sich aus dem christologischen Trigramm ableiten lässt. Das seit dem Mittelalter bekannte Monogramm Jesu wird von einem kleinen Kreis als Himmelssymbol eingerahmt. Damit geben Merian und Fludd zu erkennen, dass Christus auch in diesem Weltbild über allem steht.

Der linke Kreis befasst sich mit der praktischen Arbeit des Alchimisten. Hier soll, wie Fludd im ersten Teil des Traktats erläutert, die Quintessenz des Weizens entschlüsselt werden, denn der Weizen sei für das Pflanzenreich und die Ernährung der Menschen das, was das Herz für den Körper sei. Merian d.Ä. zeigt, welche Gerätschaften für diesen Erkenntnisprozess notwendig sind: der Athanor (Ofen), ein Destillierhelm, die Retorte und Glasgefäße. Nach Fludd´s Auffassung wird bei der Spaltung der Weizen in seine Elemente plus den spiritus zerlegt.[3]

Im rechten Kreis ist in der Gestaltung eines Genrebildes eine realistisch dargestellte Leichensektion zu erkennen (Abb.). Leichensektionen fanden vermehrt ab dem 16. Jahrhundert statt, bildliche Darstellungen sind noch selten, wird hier doch das zuvor Unsichtbare im Körperinneren sichtbar gemacht und die Geheimnisse des Menschen enthüllt.[4] Die Szene ist in einen Raum hineingearbeitet, in den lediglich durch das Fenster Licht einfällt. An einem Wandregal hängen sämtliche, gut zu identifizierende Instrumente des Chirurgen. Deutlich sind der Demonstrator mit dem Stock – der Demonstrator stand gesellschaftlich über dem Chirurgen und berührte die Leiche nicht – und der Chirurg – dieser berührte und öffnete den toten Körper – ihm gegenüber zu erkennen.[5] Bei den übrigen Personen handelt es sich vermutlich um Studenten. Auffallend ist, dass der Demonstrator in Richtung des Herzens weist, also in den Bereich, der den Ursprung des spiritus im Menschen darstellt.[6]

Zu erwähnen ist ferner das Dreieck, das die bebilderten Kreise verbindet und dessen obere Spitze in dem Monogramm mündet. Der linke Schenkel weist vom Weizen direkt zu Jesus, was auch mit der Auferstehung Christi in Verbindung gebracht werden kann.[7] Der rechte Schenkel verläuft von dem Monogramm zum Kopf des Demonstrators, so als würde dieser die göttliche Legitimation zur Sektion erhalten. Die Sezierung erfolgt also mit göttlicher Akzeptanz. Da es sich um ein gleichseitiges Dreieck handelt, verweist es direkt auf die Dreifaltigkeit und soll den Einklang der Wissenschaft mit der göttlichen Lehre symbolisieren.[8] Die Dreizahl erscheint ebenfalls im Zentrum der Scheibe, zum einen geschrieben und zum anderen in einem weiteren Dreieck, das durch das Aneinanderlegen der großen Kreise entsteht.

Der deutliche kompositorische Hinweis auf die kreisförmigen Zusammenhänge einer grundsätzlich stark vernetzten Welt, der sich von den üblichen Gestaltungen der Frankfurter Titelblätter aus dem Verlagshaus De Bry mit Merian als ausführendem Stecher stark unterscheidet, ist womöglich auf Fludds ausdrücklichen Wunsch zurückzuführen. Nicht nur, dass er in seiner Anatomie spirituelle Zirkulationen behandelt, so gehörte Fludd auch zu den Unterstützern William Harveys, dem zu Beginn verlachten Entdecker des Blutkreislaufs.[9]

Kea Simonis


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 62, S. 78f.

Hollstein/Falk, Bd. XXVIA, 1990, Nr. 603; Pagel, Walter, William Harvey’s biological ideas. Selected aspects and historical background, Basel 1967, S. 111f.; Neugebauer 1993, Nr. 235, S. 304; Rösche 2008, S. 246ff.

Endnoten
  1. Der Zusammenhang mit Fludds Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris metaphysica findet sich bei Johannes Rösche erläutert.

  2. Kretschmer, Hildegard, Lexikon der Symbole und der Attribute in der Kunst, Stuttgart 2016, S. 333.

  3. Rösche 2008, S. 248 und Pagel 1967, S. 112.

  4. Fichtel, Folker, Die anatomische Illustration in der frühen Neuzeit, Frankfurt 2006, S. 372.

  5. Böhme, Hartmut, Der anatomische Akt. Zur Bildgeschichte und Psychohistorie der frühneuzeitlichen Anatomie, Gießen 2012, S. 54.

  6. Rösche 2008 S. 246 und Pagel 1967, S. 112.

  7. Kretschmer 2016, S. 449.

  8. Ebd., S. 88f.

  9. Zu Harvey siehe Wright, Thomas, William Harvey. A Life in Circulation, Oxford 2013. Zum Zusammenhang von Fludd und Harvey siehe Pagel 1967 und Rösche 2008, S. 246ff.