Merian, Großschedel, Calendarium naturale magicum perpetuum

Matthäus Merian d.Ä. für Johann Baptist Großschedel von Aicha, Calendarium naturale magicum perpetuum, Oppenheim: Johann Theodor de Bry, 1614-1620(?), ca. 114 x 56,5 cm, aufgezogen auf Leinen, bez. unten links Auth: Johan Babtista Großschedel ab Aicha; unten rechts Io: Theodore de Bry, excud.; Thico Brahae inuentor 1582, Bibliothèque nationale de France, Inv. Nr. GED-5082

Das Calendarium naturale magicum perpetuum profundissimam rerum secretissimarum contemplationem, totiusque philosophiæ cognitionem complectens geht in seiner ambitionierten inhaltlichen Konzeption auf den Alchemisten und Autoren Johann Baptist Großschedel ab Aicha (1577- nach 1631) zurück und wurde von Matthäus Merian d.Ä. in die Darstellung der hochformatigen Druckgraphik transferiert.[1] Merian orientierte sich dabei an einer bereits 1582 ausgeführten Zeichnung[2] des dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546-1601) und fertigte seine Radierung im Auftrag Johann Theodor de Brys an, welcher das Projekt eines mystisch-alchemischen Kalenders steuerte und den Druck verlegte. Eine exakte Datierung des Blattes, das in nur wenigen Exemplaren überliefert ist, konnte bisher nicht ermittelt werden, jedoch besteht die Annahme, dass ein Zeitraum von 1616 bis 1618 am wahrscheinlichsten ist.[3] Sicher ist in jedem Fall, dass das die Arbeit inhaltlich in den Umkreis der alchemischen Publikationen von Robert Fludd und Michael Maier bei Johann Theodor de Bry zu zählen ist.

Der aus drei großen querformatigen Blättern zusammengestellte Immerwährende natürlich magische Kalender (dt. Übersetzung, auch Immerwährender Magischer Naturkalender), enthält verschlüsselte Inhalte, die das gesamte Natur- und Weltgeschehen umfassen wollen. Dem tabellarischen Schema liegt ein numerischer Aufbau zu Grunde, der das Blatt in 12 Hauptreihen gliedert, die jeweils in einzelne Spalten unterteilt sind. Mit Numerik als zentralem Bestandteil der Alchemie, beschäftigte sich bereits Agrippa von Nettesheim (1486-1535), aus dessen Werk zum Teil Textpassagen im Calendarium zitiert und rezipiert wurden.[4] Die Zahl einer jeweiligen Reihe spielt demnach eine entscheidende Rolle für den dort behandelten Inhalt. Die erste Reihe steht beispielsweise mit ihrer Zahl unus für Gott, die Weltseele, den Stein der Weisen und die Einheit der Welt. In der zweiten Reihe werden Phänomene, die binär auftreten, benannt, wie Adam und Eva, Sol und Luna oder Form und Materie. Diese Systematik wird bis zur zwölften Reihe fortgeführt, in welcher die 12 Tierkreiszeichen, die Namen der Monate und weitere dodekadische Phänomene enthalten sind.

Neben dem schematisch-textlichen Teil des Blattes nehmen insbesondere die enthaltenen Bilder eine tragende Rolle ein. Merians Darstellungen illustrieren einzelne Aspekte des Inhalts und helfen bei der Orientierung innerhalb des Blattes. Durch die bildhafte Form kann dem Betrachter ein Inhalt sichtbar gemacht werden, welcher in Form von Text komplexer und weniger unmittelbar kommuniziert wird. Zentral ist dabei der Gedanke, dass das Mittel des Bildes zur Erkenntnisvermittlung dient und als eidetisches Medium eine andere Form von Verschlüsselung und Dechiffrierung ermöglicht. Merian nimmt dabei als Druckgraphiker eine Vermittlerrolle zwischen Kunst und Wissenschaft ein. Er legt dabei besonderen Wert auf die Verortung der dargestellten Figuren in ein situatives Setting, wodurch die Darstellung ein narratives Potential erhält und die Bilder darüber hinaus Anspruch auf eine eigene Aussage implizieren. Ein Motiv in der siebten Reihe stellt beispielsweise die Figur der Luna dar (Abb.), welche Merian in einer vom Mondschein erhellten Nacht auf dem Rücken eines Stieres über das Wasser reiten lässt, während im Hintergrund Schiffe und ein ausbrechender Vulkan zu sehen sind. Diese Darstellung vermittelt eine alchemisch aufgeladene Symbolik und transportiert zugleich einen mythologischen Bezug zu der Erzählung des Raubs der Europa. In derselben Reihe ist das Bild eines sitzenden Naturforschers (Abb.) zu sehen, über dessen Kopf Merkur fliegt, während der Mensch im Vordergrund mithilfe eines technischen Instrumentes die Entfernung zu einem Kirchturm zu messen scheint. Am Boden befinden sich zahllose Gegenstände, unter anderem alchemische Geräte, eine Laute und Utensilien eines Malers. Das Bild spiegelt den forschenden Menschen wider, der versucht, mithilfe der Wissenschaft die Welt zu begreifen, während über seinem Kopf ein übermenschliches Wesen schwebt, das höheres Wissen besitzt. In der Komposition wird anschaulich die Verbindung von Kunst und Wissenschaft verdeutlicht und verweist damit wiederum auf das Wesen der Alchemie. Das Calendarium verspricht bei einer vollkommenen Durchdringung die Erlangung des Wissens der natürlichen Magie und die Entschlüsselung ihres Geheimnisses zur Herstellung der quinta essentia.

Laura Etz


Literatur

Wüthrich Bd. 1, 1966, S. 54, Nr. 242-244; Wüthrich Bd. 2, 1972, S. 84, Kat-Nr. 67

Wüthrich, Heinrich Lucas, Matthaeus Merians Oppenheimer Zeit, in: Festschrift. 1200 Jahre Oppenheim am Rhein, Oppenheim 1965, S. 129-146, bes, S. 138; McLean (Hg.), The magical calendar: a synthesis of magical symbolism from the seventeenth century renaissance of medieval occultism, Edinburgh, 1979; Putscher 1983, S. 38; Bauer 2000, S. 504-512, Gilly, Carlos, The rediscovery of the original of Großschedel’s Calendarium Naturale Magicum Perpetuum, in: Magia, alchimia, scienza dal ‚400 al ‚700: l’influsso di Ermete Trismegisto / Magic, alchemy and science 15th-18th centuries: the influence of Hermes Trismegistus, hg. von Carlos Gilly und Cis van Heertum, 2 Vol., Florenz 2002, Bd. 1, S. 295-324 und Bd. 2, S. 158f. (ital./engl.).

Endnoten
  1. Das Calendarium ist von äußerster Seltenheit. Weitere Exemplare befinden sich beispielsweise in London, Britisch Museum, L.R. 270. b. 39, zit. nach Wüthrich Bd. 1, S. 54; Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, SLUB Magica.26.n (auf Leinen aufgezogen); Los Angeles, Getty Research Institute (https://archive.org/details/calendariumnatur00meri)

  2. Vgl. Bauer 2000, S. 506.

  3. Vgl. Gilly, 2002, S. 301-315. Gilly entdeckte in der British Library ein Manuskript (Harley MS 3420) von Großschedel aus dem Jahr 1614, welches er als Grundlage für die Entwicklung des Calendariums ansieht. Darin vermerkte Großschedel in einer Notiz von 1618, dass de Bry den Druck ohne sein Wissen anfertigen ließ. Demnach scheint 1618 der spätest mögliche Zeitpunkt der Entstehung zu sein. Bei einer genaueren Betrachtung der Figurendarstellungen im Blatt wird deutlich, dass die Darstellungen von Adam und Eva starke Ähnlichkeit zu deren Darstellung im Buch Totentanz von Merian aufweisen. Diese Darstellung geht auf eine Radierung zurück, welche Merian im Jahr 1616 vom Baseler Totentanz anfertigte. Die Annahme, dass diese Radierung als eine Vorlage diente, lässt den Schluss zu, dass eine Datierung für das Calendarium ab 1616 wahrscheinlich erscheint, als auch die Tatsache, dass vor 1616 keine Zusammenarbeit von Merian und de Bry bekannt ist. Des Weiteren wird in Schloss Pommersfelden eine bislang kaum beachtete Zeichnung (HS 355 Schlossbibliothek Pommersfelden) aufbewahrt, die mit dem Calendarium identisch zu sein scheint und möglicherweise eine Vorzeichnung Merians ist. Hinweis vgl. Putscher 1983, S. 38, Anm. 19. In der Sammlung in Pommersfelden geht man aktuell davon aus, dass es sich vielmehr um eine Nachzeichnung handelt (Briefwechsel mit der Kuratorin Dorothea Feldmann vom Mai 2020). Das Blatt hat partielle Wasserschäden erlitten.

  4. Vgl. Bauer 2000, S. 509.