Holzschnittvorlagen von 1602 für Schlüssel des Basilius Valentinus

Johann Theodor de Bry / Balthasar Schwan, Zwölfter Schlüssel des Basilius Valentinus, in: Michael Maier, Tripus aureus, Frankfurt: Lucas Jennis 1618, Radierung, UB Frankfurt, Sign. Occ. 1148,1 ; (rechts)

Zwölfter Schlüssel des Basilius Valentinus, in: Basilius Valentinus, Ein kurtzer summarischer Tractat Fratris Basilii Valentini Benedectiner Ordens. Von dem grossen Stein […] mit seinen zugehörigen Figuren, […] Benebenst einem bericht / von den fürnembsten Mineralien und ihren eigenschafften, Leipzig: Jakob Apel 1602, Holzschnitt, ULB Sachsen-Anhalt, Sign. Hb 5012 (1)

Für die Illustrierung des 1618 im Tripus aureus veröffentlichten Basilius Valentinus-Traktats der Zwölf Schlüssel entschieden sich Künstler und Verlag dafür, Holzschnittvorlagen aus dem Jahre 1602 ins Medium der Radierung zu übertragen. Nachdem die Zwölf Schlüssel – gemeint sind zwölf Schritte zur Erlangung des Steins der Weisen – erstmals 1599 von Johann Thölde unbebildert veröffentlicht worden waren, handelte es sich bei der 1602 von Jakob Apel in Leipzig verlegten Auflage um die erste illustrierte Fassung des Werks. Die Illustrationen von 1618 wurden in mehreren später erschienenen Frankfurter Publikationen erneut zur Bebilderung der Zwölf Schlüssel abgedruckt.[1] Als tätigen Künstler zieht Lucas Heinrich Wüthrich den Verleger und Kupferstecher Johann Theodor de Bry in Betracht; eine Beteiligung Merians d.Ä. hält er für ausgeschlossen.[2]

Offenbar orientierte sich der Illustrator an einem im Verlag vorhandenen oder anderweitig zugänglichen Exemplar. Ein Vergleich der Radierungen mit den älteren Holzschnitten zeigt, dass die Motive in Bildaufbau und Figurendarstellung nahezu 1:1 übernommen wurden – möglicherweise aus dem Interesse daran, die als authentisch empfundenen, älteren Bilder und ihre Bedeutung unverfälscht weiter zu tradieren. Allerdings waren durch die Technik der Radierung eine vielfache Verfeinerung der Linien und eine nuanciertere Ausarbeitung von Licht und Schatten möglich. Die Korrektur der Perspektive und der Ausbau der Hintergrundlandschaften trugen darüber hinaus zur ästhetischen Aufwertung der Vorlagen bei. Der Künstler entsprach der in der Alchemie verbreiteten Wertschätzung älterer Quellen, indem er die alten Illustrationen übernahm. Zugleich war er bemüht, im Vergleich eine deutliche technische Verbesserung und Verfeinerung der Darstellung zu präsentieren und Illustrationen von hoher Qualität zu erschaffen. Zu den auffälligen Unterschieden zählt die teilweise Abwandlung des Formats der Illustrationen. Während für die Holzschnitte mit Ausnahme der Schlüssel 5, 8, 10 und 11 ein Hochformat gewählt wurde, übertrug der Urheber der Radierungen die Motive entweder ins Querformat (Schlüssel 1-4, 6, 12) oder in ein annähernd quadratisches Format (Schlüssel 7 und 9). Die bereits im älteren Werk querformatigen Bilder 5 und 8 wurden im Querformat belassen, allerdings durch eine 90° Drehung an die Textrichtung angepasst, was ein angenehmeres Leseerlebnis ermöglichte, und sind somit etwas schmaler und höher als die Vorlagen. Darüber hinaus nehmen die detailreicheren, neueren Illustrationen weniger Raum ein, denn sie wurden im Gegensatz zur Vorlage, in der sich jedes Bild auf einer eigenen Seite befindet, stets zusammen mit Text auf eine Seite gesetzt. Auffällig ist, dass die Illustrationen zu Schlüssel 7 und 8 im Dyas chymica tripartita auf derselben Seite vereint wurden, getrennt nur von einer Textzeile. Hier wurde vom formulaischen Aufbau des 1602 veröffentlichten Werks abgewichen. Zudem folgt im Dyas chymica tripartita der fünfte- auf den dritten Schlüssel, und erst danach wird Schritt 4 abgebildet. Im Tripus aureus sind die Illustrationen in der numerisch korrekten Reihenfolge angeordnet; hier befinden sich auch die Bilder zu Schlüssel 7 und 8 auf separaten Seiten und sind in den jeweils zugehörigen Text eingefasst.

Anhand der Illustration des zwölften Schlüssels werden die Übertragungsprozesse einer 16 Jahre alten Vorlage in eine andere Technik und die vorgenommenen Verfeinerungen besonders deutlich. Das Bild des Alchemisten in seinem Labor wurde vom Hoch- ins Querformat übertragen, der Raum im Zuge dessen perspektivisch korrigiert. Die ganze Wand entlang erstreckt sich hinter dem Adepten nun eine Werkbank, auf der – zusätzlich zu dem schon auf dem Holzschnitt vorhandenen Gefäß mit den zwei Blumen – mehrere Werkzeuge sowie eine große Waage zu sehen sind. Durch die Änderung des Formats fand auch auf dem Wandregal ein weiteres Gefäß Platz. Die zusätzlich eingefügten Werkzeuge unterstreichen den Aspekt, dass es sich bei dem Raum um die Werkstatt eines praktisch tätigen Alchemisten handelt. Ergänzt wurden außerdem Rauchschwaden, die dem brennenden, fassförmigen Ofen entsteigen. Die Kleidung des Alchemisten weist auf der neueren Illustration mehr Details auf. Zudem wurde sein Kopf stärker ins Profil gesetzt, sodass er nun die Himmelskörper im Fenster direkt anzublicken scheint. Der Halbmond wurde von einem zu- zu einem abnehmenden Mond geändert, sodass er sich dem Alchemisten ebenfalls „zuwendet“. Der die Schlange verzehrende Löwe erscheint nun stärker ins Bildgeschehen eingebunden, da er im Gegensatz zur Vorlage größer und dem Bildinneren zugewandt ist. Darüber hinaus nutzt der für die Radierung verantwortliche Künstler das durch das Fenster einfallende Licht der Himmelskörper, um Licht und Schatten auf dem Alchemisten und der Werkbank zu gestalten. Dieser Aspekt wurde auf dem Holzschnitt nicht bedacht, da dort die dem Fenster zugewandte Körperseite des Mannes dunkel schraffiert ist. Obwohl die wesentlichen Bildelemente übernommen wurden, ist insgesamt sowohl technisch als auch ästhetisch eine deutliche Aufwertung der Vorlage ersichtlich, die eine bewusste Auseinandersetzung des Künstlers mit der Komposition und dem gezeigten Motiv erkennen lässt.

Auch die Illustration zum achten Schlüssel (Abb.) unterstreicht diese Vorgehensweise und hebt sich besonders durch ihren nun klarer strukturierten Bildraum hervor. Die wesentlichen Bildelemente, die Anzahl der Figuren und ihre Tätigkeiten wurden vom Holzschnitt übernommen (Abb.>). Allerdings wurden die Perspektive insgesamt überarbeitet und im Hintergrund eine sich von Bildrand zu Bildrand erstreckende Mauer mit rundbogigen Blendarkaden hinzugefügt, vor deren dunkler Schraffierung sich die zentrale Zielscheibe abhebt. Durch verschiedene kleinere Änderungen wird das Bildgeschehen klarer: Das offene Grab mit der betenden Figur wurde weiter in den Vordergrund verlagert, und somit eindeutig von den Armbrustschützen abgegrenzt. Durch die Darstellung im Halbprofil und den eindeutigen Blick in Richtung Himmel kommt die Gebetsgeste besser zur Geltung. Die Kreuze mit Dach werden nun klar erkennbar als Kreuze gezeigt, während das einzige Kreuz ohne Dach zentral im Vordergrund platziert ist und so dem noch nicht begrabenen Toten zugeordnet werden kann. Die Figur des Posaunenengels wurde ebenfalls überarbeitet. In der neueren Fassung sind deutlich erkennbare Flügel zu sehen, und seine Augen sind sichtbar. Die neue Klarheit der Komposition kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass nun der wiederauferstandene Betende, der Tote und das Kreuz zentral auf einer Linie liegen und dadurch in Bezug zueinander stehen. Das auch im zugehörigen Text diskutierte Entstehen von etwas Neuem aus der Verwesung heraus wird so verdeutlicht und als Ablauf präsentiert.

Die Illustrationen der Zwölf Schlüssel des Basilius Valentinus sind beispielhaft für ein sehr vorlagennahes Tradieren alchemistischer Bilder. Dennoch zeigen sie – unter anderem auch begründet durch die Übertragung von Holzschnitten in das Medium der Radierung – durch das Hinzufügen von Details wie Hintergründen und durch mehr Klarheit in den Kompositionen auch eine Weiterentwicklung der Technik innerhalb von 16 Jahren und die Ambition, die Illustrationen dem zeitgemäßen Standard alchemischer Druckwerke aus Frankfurt und Oppenheim anzupassen.

Katja Lehnert


Literatur

Wüthrich Bd. 2 1972, Nr. 77, S. 96; Nr. 172, S. 161 f.; Brüning 2004, Nr. 783 (Druck von 1602); VD17 3:306521N; VD17 23:253504Y

Online Exemplar ETH-Bibliothek Zürich

Endnoten
  1. Daniel Stoltzius von Stoltzenberg, Viridarium Chymicum figuris cupro incisis adornatum, et poeticis picturis illustratum […], Frankfurt: Lucas Jennis 1624; Musaeum hermeticum, Frankfurt: Lucas Jennis 1625; Johannes Rhenanus (Hermannus Condeesyanus) (Hg.), Dyas chymica tripartita, Frankfurt: Lucas Jennis 1625

  2. Wüthrich Bd. 2 1972, Nr. 172, S. 162.