Merian für Catelan, Discurs Einhorn, 1625

Matthäus Merian d.Ä., Illustrationen für Laurent Catelan, Ein schöner newer historischer Discurs von der natur, tugenden, eigenschafften, und gebrauch des einhorns, übersetzt und herausgegeben von Georg Faber, Frankfurt: Lucas Jennis 1625, UB Frankfurt, Sign. 8° R 180.3165

Im Jahre 1624 in Montpellier erschienen,[1] kam die Verteidigungsrede zur Wirksamkeit der medizinischen Wunder- und Heilkraft des Einhorns bereits 1625 in deutscher Übersetzung heraus. Gewidmet wurde das von Jennis verlegte Buch laut der Dedicatio Landgräfin Anna Margaretha (gest. 1629), die sich an ihrem Hof in Hessen-Butzbach dem Betreiben der Hofapotheke verpflichtet fühlte. Georg Faber (1575-nach 1632), der Übersetzer des Traktates, war seit 1618 in Butzbach als erster Leib- und Hofmedicus des Landgrafen bestallt, wohnte jedoch bis 1626 in Friedberg. Eine enge persönliche Verbindung zu Johann Peter Lotichius (1598-1669), der sich 1626 in Frankfurt in das Stammbuch des Alchemisten Daniel Stoltzius von Stoltzenberg eingetragen hatte,[2] wird durch ein Geleitwort desselben anschaulich. Da der Medicus Faber 1632 gelegentlich der ostfriesländischen Hochzeitsreise Landgraf Philipps (1581-1643) selbst als dilettantischer Zeichner hervortrat,[3] ist anzunehmen, dass Merian teils nach seinen Entwürfen oder zumindest nach Fabers Vorschlägen entworfen und radiert hat.[4]

Wichtigste Vorlage für die Verbildlichung des Einhorns mit ‚giftigem Horn‘ war ohnehin das Blatt im französischen Original (Abb.>), das seinerseits Conrad Gessners Einhorn in Historiae Animalium (1551) folgt (Abb.>). Im Vergleich mit Merians aemulativer Reproduktion im Medium der Radierung zeigen sich die typische Hinzugabe des landschaftlichen Hintergrunds, die Modernisierung der Formsprache und die ausdifferenzierte Wiedergabe physischer Details. Zugleich wird aber deutlich, wie stark sich Merian in den wesentlichen Komponenten, etwa der statischen Position des Tiers, den angelegten Ohren, dem geöffneten Maul oder dem Fell im Brustbereich des Einhorns, an die offensichtlich wesentlich ältere Kupferstichvorlage hielt und somit der überlieferten Bild- und Wissenstradition Rechnung trägt. Andererseits typisch war das Bestreben des Verlags, die gesamte Buchvorlage zu perfektionieren. Kurzerhand wurde die deutsche Ausgabe um sechs weitere Abbildungen zu einem kleinen Bestiarium von Fabelwesen erweitert. Ein Einhorn mit Gänseflossen an den Hinterfüßen oder ein Onager (Waldesel) kamen hinzu. Die Vorlage für das im Buch gezeigte Rhinocerus hat Merian in Albrecht Dürers berühmtem Einhorn-Holzschnitt von 1515 gefunden (Abb.>).

Catelans Verteidigungsschrift des Einhorn-Glaubens stellte sich Georg Faber mit Distanz gegenüber, begründet er nämlich sein originäres Interesse an der Materia mit ihrer Raritet und Seltzsamkeit.[5] Die Publikation belegt vielmehr die Vorliebe für Kunst- und Wunderkammerliteratur im Umfeld des Butzbacher Hofs um den Alchemie und Astronomie begeisterten Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach (1581-1643). Wie Laurent III. Catelan (1568-1647), der Apotheker in Montpellier und Besitzer eines Cabinet de curiosités war,[6] arbeitete auch Philipp am weiteren Ausbau seiner sogenannten Kunst- und Reißkammer, die insbesondere naturkundlichen und hermetischen Fragen gewidmet war.[7]

Zwar galt das Einhorn, welches höchst selten, unglaublich wild und noch schwerer einzufangen war, den Alchemisten als ein Deckname für den Philosophischen Mercurius – den Stein der Weisen –,[8] so scheint der Traktat dennoch nicht in die Kategorie der Alchemieliteratur zu gehören. Wenngleich Faber erörtert, dass das Horn eines Einhorns von den Apothekern höher und köstlicher/ dann das Gold selbst gehalten worden sei und auch Catelan im Text Hinweise erteilt, wie ein solches Horn mittels laborpraktischer Prozesse zu probirn sei, fehlen doch eindeutige Anklänge an das alchemistische Vokabular. Die Einordnung in den übergeordneten Themenbereich der Naturmagie scheint passender.

Eine weitläufige Rezeption als ‚Buch der Alchemie‘ ist dennoch nicht sofort von der Hand zu weisen. Der Butzbacher Hof galt unter Philipp als Ort der Wissenschaft und der hermetisch-theosophischen Philosophie mit starker Affinität zur Strömung der Rosenkreuzer.[9] Das zeigt vor allem die Bestallung des Arzt-Alchemisten und Verfechters der Rosenkreuzerbewegung Daniel Mögling (1596-1635), der ab 1621 am Hofe des Butzbacher Landgrafen lebte.[10] Auf dem seit 1609 ausgebauten Residenzschloss in der Wetterau befanden sich eine Sternwarte, astronomische Instrumente und Modelle und selbstverständlich ein Alchemie-Labor. In der Reißkammer sammelte Philipp naturkundliche und ebenso hermetische-naturmagische und paracelsische Literatur.[11] Unter der Kategorie Libri chymici-medici fanden sich im Jahr 1628 von Daniel Mögling verfassten Inventar die Klassiker der metallurgischen und paracelsischen Alchemie.[12]

Gut möglich, dass Georg Faber den publizistischen Aktivitäten seines besser bezahlten Arzt-Kollegen Mögling etwas entgegensetzen wollte und sich auf das Feld des (Natur-)Wunders und in den Bereich der Kunstkammerliteratur begab. Als Butzbacher Höfling hatte er die Übersetzung des Einhorn-Buchs vielleicht sogar im Auftrag des Landgrafen und der Landgräfin vorgenommen, da Catelans Sammlung in Montpellier bereits europäischen Prestiges genoss. Das Buch findet sich im Inventar von 1628, in Gesellschaft mit anderen Geheimnis-, Mirakel- und Kunstbüchern mit teils naturmagischen und alchemistischen Rezepten (Kunstbuch Fallopii / Kunstbuch Gabriele Fallopio) und der epochalen Publikation von Giambattista della Portas Magia naturalis.[13]

Berit Wagner


Literatur

Wüthrich Bd.2, Nr. 165; Brüning 2004 (2011), Nr. 1431; VD17 39:117690K

Wüthrich 2007, S. 238; Laubinger, Olav, Krankheit und ärztliche Tätigkeit im Dreißigjährigen Krieg. Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach und sein Leibarzt und Reisebegleiter Dr. Georg Faber, Marburg 2010, Kap. 3.6.2 Laurent Catelans Einhorn-Diskurs, S. 61-67. https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2010/0718/pdf/dol.pdf; Schenk, Gerrit Jasper, Geheimnis – Herrschaft – Wissen. Theoretisches und praktisches Wissen in der frühneuzeitlichen Hofkultur am Beispiel von Beständen der Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek, 2017 (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:tuda-tuprints-67607); Fitzner 2018.

Endnoten
  1. Laurent Catelan, Histoire de la nature, chasse, vertus, proprietez et usage de la lycorne, Montpellier 1624.
  2. Eintrag des Johann Peter Lotichius, in: Daniel Stoltzius von Stoltzenbergs Stammbuch, 1622-1628, Universitätsbibliothek Uppsala, Ms. Y 132 d., Frankfurt, 3. Mai 1626, S. 212.
  3. Laubinger 2010, Kap. 5.6. Die 48 Federzeichnungen befinden sich in Darmstadt, Staatsarchiv, Federzeichnungen des Georg Faber, HStAD Abt. D4, 56/1b.
  4. Laurent Catelan, Ein schöner newer Historischer Discurs/ von der Natur/ Tugenden/ Eigenschafftenund Gebrauch deß Einhorns […]: Beneben vielen andern denckwürdigen Historien und Geschichten/ Durch Laurentium Catelanum […] in Franz. Sprach beschrieben. Nunmehr aber von Georgio Fabro, der Arzney D. Fürstl. Hess. und der Keys. Burg Friedberg besteltemMedico, in Hochteutsch trewlich übergesetzt und mit schönen in Kupffer gestochenen Figuren gezieret, Frankfurt: Lucas Jennis, 1625.
  5. Vgl. Dedicatio des Übersetzers in Laurent Catelan, Ein schöner newer historischer Discurs, Jennis 1625.
  6. https://curiositas.org/cabinet/curios1571; Irissou, Louis, Quelques Montpelliérains, collectionneurs de curiosités, in: Revue d’Histoire de la Pharmacie Année 1947 119 pp. 232-235. Ebenfalls bei Jennis erschien Laurent Catelan, Ein neuer Tractat und Bericht von Bezoarstein, Frankfurt 1627. Dieses Mal ohne Illustrationen.
  7. Schenk 2017; Fitzner 2018.
  8. Telle 2013 S. 728.
  9. Rösch, Siegfried, Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach und Johannes Kepler, in: Wetterauer Geschichtsblätter 24, 1975, S. 99-108.
  10. Schenk 2017 mit Hinweis auf Werke Möglings, S. 8.
  11. Schenk 2017; Fitzner 2018.
  12. Inventar über die Reißkammer Landgraf Philipps von Butzbach – 1628, Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs 3020, hier S. 18 (http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Hs-3020/0018).
  13. Ebd. Kategorie Libri miscellani, S.23 (http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Hs-3020/0023). Gemeint ist Gabrielis Fallopii Wunderlicher menschlichem Leben gewisser und sehr nutzlicher Secreten drey Bücher: vom Authore selbst in Ttalienischer Sprach publicirt, jetzund aber Teutscher Nation zu gutem in unser Muttersprach ubersetzet, Franckfurt am Mayn 1616 oder Kunstbuch Des hocherfarnen und weytberhümpten Herrn Gabrielis Fallopij, Augsburg 1571. Philipp besaß außerdem die mehrbändige Magia Naturalis von Giambattista della Porta und ebenso Wolfgang Hildebrand, Magia naturalis das ist, Kunst und Wunderbuch. Dazu Telle, Joachim, Die „Magia naturalis“ Wolfgang Hildebrands, in: Sudhoffs Archiv, Bd. 60, H. 2 (1976 2. QUARTAL), S. 105-122. – Eine genauere Lektüre des Verzeichnisses ist noch nicht vorgenommen worden. Die kritische Edition ist in Planung durch Paul Brakmann und Sebastian Fitzner.