Moritz der Gelehrte, Skizze eines Laboratoriums 1629/30

© Museumslandschaft Hessen Kassel – Graphische Sammlung

Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, Frankfurt a. M., Bauaufnahme von Hofanlagen und Skizze eines Laboratoriums, 1629/1630, Zeichnung mit Feder und Pinsel, 32,4 x 20,8 cm (Blattmaß), Museumslandschaft Hessen-Kassel, Graphische Sammlung, Inv. Nr. Marb. Dep. 250a

Landgraf Moritz der Gelehrte und die Alchemie in Frankfurt

Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572-1632), genannt der Gelehrte, war eine vielseitig begabte, hochgebildete Persönlichkeit. Der politisch eher erfolglos agierende Fürst, der 1627 zugunsten seines Sohnes abdankte, sprach mehrere Sprachen, dichtete, komponierte und korrespondierte mit diversen Wissenschaftlern.[1]Siehe Akat. Moritz der Gelehrte 1997. Nur wenig bekannt ist, dass sich von seiner Hand zahlreiche Zeichnungen erhalten haben, die überwiegend architektonische Themen behandeln. Sie werden heute – bis auf wenige Ausnahmen – in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek in Kassel aufbewahrt.[2]UB Kassel, 2° Ms. hass. 107; vgl. dazu den Online-Katalog „Ein dapferer Held und Vermesser“. Landgraf Moritz der Gelehrte und der Bestand seiner architektonischen Handzeichnungen in der … weiterlesen

Landgraf Moritz hat auf den verschiedenen Blättern (datiert zwischen 1604 und 1631) zum einen bestehende Gebäude und Anlagen mehr oder weniger wahrheitsgetreu wiedergegeben, zum anderen aber darüber hinaus eine Vielzahl von Entwürfen für Umbauten und Neubauten geliefert. Die skizzenhaften, teilweise recht dilettantisch wirkenden Darstellungen von Architektur aus ungewöhnlichen Perspektiven spiegeln sein subjektives Interesse am Darstellungsgegenstand. Einige dieser Zeichnungen dokumentieren die schon früh einsetzende, intensive Beschäftigung des hessischen Fürsten mit der Alchemie, die ihn zu Studien in seiner gut bestückten Bibliothek führte: In studio Alchymiae wahr Er höchst erfahren und hatte den Drebbelium sowohl als Robertum a Fludd wohl geleßen. Aus den vegetabilibus extrahirte Er die kräftigsten waßer, Oehle, Spiritus, Essenzen, extracte und dergleichen.[3]Johann Christoph Kalckhoff, Hassia literata, Homberg 1706/1707, zitiert nach Broszinski 2011, S. XI.

Die umfangreiche alchemische Bibliothek des Landgrafen Moritz – Handschriften sowie Drucke – ist im Bestand der Universitätsbibliothek Kassel zum großen Teil noch heute erhalten. Der Katalog verzeichnet unter anderem diverse Werke von Robert Fludd (1574-1637), Andreas Libavius (1555-1615), Johann Daniel Mylius (1585-nach 1631) und Michael Maier (1568-1622).[4]Vgl. Konrad Wiedemann, Katalog der Bibliothek von Landgraf Moritz, in: Broszinski 2011, S. 403-446. Aus der ebenfalls in Kassel aufbewahrten, alchemische Themen betreffenden Korrespondenz>[5]Fünf Foliobände in der UB Kassel, 2° Ms. chem. 19[5, als Digitalisat im ORKA der Bibliothek vorhanden; 1604-1631 (bes. 1626-1631)>. – u.a. mit seinen Leibärzten Jacobus Mosanus (1564-1616) und Johannes Rhenanus (belegt 1610-1632), aber auch mit in- und ausländischen Gelehrten – geht hervor, dass er sich vor allem mit der Iatrochemie, der Herstellung von Medikamenten im Labor beschäftigte.[6]Siehe Moran, Bruce T., Moritz von Hessen und die Alchemie, in: Akat. Moritz der Gelehrte 1997, S. 357-360. In der Residenzstadt Kassel verfügte er demzufolge über mehrere Laboratorien, u.a. im Landgrafenschloss und vermutlich auch im Lusthaus in der Aue.[7]Borggrefe 2000. Im Zusammenhang mit Entwürfen für einen nicht verwirklichten Anbau an das Kasseler Schloss konzipierte Moritz ein geräumiges Laboratorium mit Nebenräumen (Abb.>).[8]Eine Zeichnung befand sich zwischen Abrechnungen der Hofküche im Hessischen Staatsarchiv Marburg (HStAM Best. 4 b 35), ein Blatt mit zwei Zeichnungen war in einem alchemischen Kodex eingeheftet, … weiterlesen

Vor allem zu Messezeiten reiste der hessische Fürst regelmäßig nach Frankfurt. Nach seiner Abdankung 1627 und dem Zerwürfnis mit seiner zweiten Frau Juliane von Nassau verbrachte er 1629/1630 zudem längere Zeit in der Reichsstadt. Die in dieser Zeit entstandenen Zeichnungen stehen vermutlich alle im Zusammenhang mit den von ihm bewohnten Logis in Frankfurt. Sie beschäftigen sich mit dem Junghof am Rossmarkt, dem Augsburger Hof und dem Karthäuserhof zwischen Schnurgasse und Töngesgasse und dem Arnsburger Hof. Auf dem mittig gefalteten Doppelblatt,[9]Siehe auch den Eintrag im Bestandskatalog der Architekturzeichnungen des 17.-20. Jahrhunderts (Online-Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel 2004ff.), bearb. von Gerd Fenner, Maren Christine … weiterlesen dessen obere vordere Hälfte weggeschnitten ist, präsentiert er den Arnsburger Hof, den alten Stadthof des Zisterzienserklosters Arnsburg, unweit der Fahrgasse, zwischen Predigergasse und der Stadtmauer gelegen. Der gesamte Hofkomplex bestand aus einer Reihe von Häusern, Höfen und Gärten, die über ein großes Tor (Arnsburger Bogen) von der Predigergasse (Pfaffengasse) her zugänglich waren. Der Karthäuserhof bildete den Abschluss an der Schmalseite des langgestreckten Platzes, während dem eigentlichen Arnsburger Hof an der östlichen Langseite mit den anschließenden Vikarienhäusern vom Fronhof des Bartholomäusstifts westlich das Hinterhaus des Haus zum Ochsen und weitere Privathäuser gegenüberlagen.

Namentlich erwähnt wird auf dem Deckblatt der flogelatti hoff, der auf einem Quartierzettel von 1629 als der frau floegelatti hauß erscheint, in dem er abzusteigen pflegte.[10]Enthalten in der Akte im HStAM Best. 4 a 38/19, siehe https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v3486340 Landgraf Moritz schilderte somit also topographische Situationen, die ihm persönlich gut bekannt waren. Oberhalb der Zeichnung, durch eine Doppellinie abgetrennt, gibt uns der Zeichner Einblick in ein alchemisches Laboratorium mit diversen Öfen und Geräten, daneben sind drei chemische Formeln in der damals üblichen verschlüsselten Weise aufgezeichnet.

Auf der Rückseite einer weiteren Darstellung des Arnsburger Hofes befindet sich zudem eine Darstellung zweier alchemischer Herdstellen zum schmeltzen, probiren abtreiben; calciniren und reverberiren und diverser diesbezüglicher Geräte (Abb.>).[11]UB Kassel, 2° Ms. Hass. 107 [167]v>. Wie uns eine Anweisung von 1629 wissen lässt, forderte Landgraf Moritz damals seine Bedienten explizit auf, insbesondere die chymische Bibliothec nach Frankfurt zu bringen.[12]Verzeichnis des […] so unser Cammerdiener Georg Wiedekindt vom f. hauss zurück mit anhero bringen undt verschaffen soll […] 1. Die chymische Bibliotec […] 2. Die ubrige bibliotec […] 3. Von … weiterlesen Es lässt sich deshalb vermuten, dass der hessische Fürst zumindest versuchte, auch dort ein Laboratorium für seine alchemischen Versuche zu unterhalten. Weder seine alchemische Korrespondenz, die in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek in Kassel aufbewahrt wird,[13]UB Kassel 2° Ms. chem. 19 [1-5]>. noch das Nachlassinventar und die umfangreiche Korrespondenz, die im Hessischen Staatsarchiv Marburg vorliegt, lassen nach kursorischer Durchsicht direkte Kontakte zu Merian oder anderen Frankfurter Verlegern erkennen.

Ulrike Hanschke


Literatur

Akat. Moritz der Gelehrte 1997; Borggrefe, Heiner, Das alchemistische Laboratorium Moritz des Gelehrten im Kasseler Lusthaus, in: Landgraf Moritz der Gelehrte. Ein Kalvinist zwischen Politik und Wissenschaft (Beiträge zur hessischen Geschichte 15), hg. von Gerhard Menk, Marburg 2000, S. 229-252; Hanschke, Ulrike, 3.30.1.1 – Frankfurt a. M., Bauaufnahme von Hofanlagen und Skizze eines Laboratoriums, in: Bestandskatalog der Architekturzeichnungen des 17.-20. Jahrhunderts (Online-Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel 2004ff.), bearb. von Gerd Fenner, Maren Christine Härtel und Ulrike Hanschke, Kassel 2004>; Broszinski 2011; Hanschke, Ulrike, „Ein dapferer Held und Vermesser“. Landgraf Moritz der Gelehrte und der Bestand seiner architektonischen Handzeichnungen in der Universitätsbibliothek Kassel 2° Ms. Hass. 107, Kassel 2012>; Dies., Zwischen „Abriss“ und Invention“. Nordhessen in den Zeichnungen des Landgrafen Moritz, Kassel 2017

Endnoten
Endnoten
1 Siehe Akat. Moritz der Gelehrte 1997.
2 UB Kassel, 2° Ms. hass. 107; vgl. dazu den Online-Katalog „Ein dapferer Held und Vermesser“. Landgraf Moritz der Gelehrte und der Bestand seiner architektonischen Handzeichnungen in der Universitätsbibliothek Kassel 2° Ms. Hass. 107, Kassel 2012>).
3 Johann Christoph Kalckhoff, Hassia literata, Homberg 1706/1707, zitiert nach Broszinski 2011, S. XI.
4 Vgl. Konrad Wiedemann, Katalog der Bibliothek von Landgraf Moritz, in: Broszinski 2011, S. 403-446.
5 Fünf Foliobände in der UB Kassel, 2° Ms. chem. 19[5, als Digitalisat im ORKA der Bibliothek vorhanden; 1604-1631 (bes. 1626-1631)>.
6 Siehe Moran, Bruce T., Moritz von Hessen und die Alchemie, in: Akat. Moritz der Gelehrte 1997, S. 357-360.
7 Borggrefe 2000.
8 Eine Zeichnung befand sich zwischen Abrechnungen der Hofküche im Hessischen Staatsarchiv Marburg (HStAM Best. 4 b 35), ein Blatt mit zwei Zeichnungen war in einem alchemischen Kodex eingeheftet, siehe UB Kassel 4° Ms. chem. 60 [1,2, fol. 88r und v>, vgl. Hanschke 2017, Abb. 20-22, S. 38 ff.
9 Siehe auch den Eintrag im Bestandskatalog der Architekturzeichnungen des 17.-20. Jahrhunderts (Online-Kataloge der Museumslandschaft Hessen Kassel 2004ff.), bearb. von Gerd Fenner, Maren Christine Härtel und Ulrike Hanschke, Kassel 2004>.
10 Enthalten in der Akte im HStAM Best. 4 a 38/19, siehe https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v3486340
11 UB Kassel, 2° Ms. Hass. 107 [167]v>.
12 Verzeichnis des […] so unser Cammerdiener Georg Wiedekindt vom f. hauss zurück mit anhero bringen undt verschaffen soll […] 1. Die chymische Bibliotec […] 2. Die ubrige bibliotec […] 3. Von Kleydern […] datiert 30.7.1629 in HStAM Best. 4 a 38/19.
13 UB Kassel 2° Ms. chem. 19 [1-5]>.