Merian, Titelblatt Sennert, Practicae medicinae, 1628

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Matthäus Merian d.Ä., Titelblatt für Daniel Sennert, Practicae Medicinae Libri, Wittenberg: Zacharias Schürer Erben 1628-1636, Titelblatt Liber primus, signiert: M. Merian fe:, nicht in der UB Frankfurt vorhanden, hier gezeigt Exemplar British Museum, London, Inv. Nr. 1895,1031.75

Womöglich weil das Titelblatt zu Daniel Sennerts (1572-1637) (Abb.) Medizinbuch nicht in einem der Frankfurter Verlage erschienen ist, fehlte es bislang in den Abhandlungen zu Merians Illustrationstätigkeit für die iatrochemische Medizin und Alchemie.[1] Die sechs Lehrbücher der angewandten Medizin sind die um ein Buch komplettierte, zweite Ausgabe der Institutionum Medicinae, die Sennert erstmals 1611 publiziert hatte. Matthäus Merian d.Ä. schuf 1628 dafür ein komplett neues Titelblatt, das die umstrittene Position der Iatrochemie und ihrer Verteidiger ausgesprochen anspielungsreich und subtil ins Bild setzt.

Sennerts medizinischer Ansatz war geprägt durch den Versuch, die paracelsische Lehre mit der klassischen Humoralpathologie zu versöhnen.[2] Diese Grundfigur der angestrebten Vereinigung vermeintlicher Gegensätze, die der kurfürstliche Leibarzt und Universitätsmediziner Sennert propagierte, versinnbildlicht Merian bei der Umsetzung des Titelblattes nachhaltig, indem sich in der unteren Kartusche Personifikationen der medizinischen Alchemie und der hippokratischen Medizin die Hand reichen.

Dem verrätselten Titelblatt liegt eine dreistufige, tryptichonartige Aufbaustruktur zugrunde. Auch die floralen Füllmotive und barocken Zierrate sind bei Merian typischerweise häufig anzutreffen und wurden oft unverändert von Werk zu Werk übernommen, man beachte das Titelkupfer von Sennerts Epitome Naturalis Scientiae, oder Merians Straßburger Bibel. Im oberen Register prangen drei ovale Kartuschen, von denen die mittige ein Portrait des Autors, also Daniel Sennert zeigt. Diese Darstellung ist eine sehr autoritative, mit einer Halskrause, der Amtskette der Universität Wittenberg, die für Gelehrsamkeit aber auch für Abhängigkeit vom Landesherrn steht; und mit einer stolzen Titulatur; Deniel Sennertus Medd[icus], wird buchstäblich eine Aufsicht des Verfassers über das gesamte Werk angedeutet. Direkt unterhalb des Portraits befindet sich eine Subscriptio mit dem Titel des ersten Buches und einer lobreichen Privilegienaufzählung, auf einer Kartusche eingezeichnet. Das Zentrum des Titelblattes, bzw. das mittlere Register, wird von zwei allegorischen Figuren flankiert, einer Personifikation der Experientia links und einer Personifikation der Ratio rechts. Auf den hervorgehobenen Konsolen stehend, vertreten sie sinnbildlich die Grundpfeiler des geistigen Gebildes. Die männliche Figur links hält in ihrer rechten Hand einen Caducäus, das Attribut des Patrons der Alchemisten, Hermes. Dem Mann beigeordnet ist ein Hirsch, üblicherweise ein Christussymbol, zugleich jedoch auch Symbol für den alchemisch-philosophischen Schwefel,[3] in dessen Brust ein Pfeil steckt, was denselben jedoch nicht daran hindert, Kräuter zu essen. In der linken Hand hält Hermes (?) eine Lilie, die Blume der Jungfräulichkeit, das Zeichen der alchemistischen Monarchin.[4] Hier womöglich als Stilmittel angewandt, um auf die Bedeutung von Merkur/Hermes als Schutzplaneten für das Domicilium der Jungfrau aufmerksam zu machen.[5] Letztlich gibt es allerdings keinen endgültigen Hinweis darauf, dass es sich bei dieser Figur, die Wüthrich nicht weniger naheliegend als Arzt mit Aeskulapstab deutet, um Hermes handelt, tatsächlich stößt man in der Frühen Neuzeit bekanntlich auf ähnliche Allegorien, zum Teil weibliche, die ebenfalls einen Caduceus halten.[6] Mit der Inschrift Experientia ist wahrscheinlich nicht ausschließlich ‚Erfahrung‘ im empirischen Sinne gemeint, sondern zugleich ein esoterisches ‚Glauben‘, etwa so wie Robert Boyle es in seinem Essay in Bezug auf Sennert verstanden hat.[7] Die lateinische Inschrift auf dem linken Podest scheint dies zu bekräftigen; Extudit attem. Exemplo monstrante viam, dt. Es erzwingt Gleichmäßigkeit und untermauert den Weg durch Beispiel. [d.i. die Erfahrung]. In dieser Auslegung spielt die rätselhafte Figur mit Caducäus und Hirsch womöglich auf die Verbindung von Christentum und Alchemie in der Iatrochemie paracelsischer Prägung an.

Links neben dem Autorenporträt Daniel Sennerts ist ein hochovales Medaillon zu sehen, mit der Umrandungsschrift; Deo Duce, Comite Lobore dt. Gott als Führer, Arbeit als Begleiter. Der von Kletterpflanzen bewachsene Obelisk im Bildinneren, der über die isolierte Burg im Hintergrund hinausragt, deutet auf die Sonne und die kosmischen Gestirne. Das astronomische Symbol der Sonne ist zugleich das Symbol des männlichen Aspektes, die göttliche Arbeit soll also wachsen und bodenständig bleiben, bzw., in der Ratio gründen. Die Experientia kann sehr wohl der Glaube an die alten antiken Disziplinen sein, die im Schatten, bzw. in vergleichbarer Vergessenheit zu der neuen Ratio liegen, denn die rechte Seite des Titelblattes ist heller beleuchtet als die andere.[8]

Die rechts angeordnete, weibliche Figur hält mit ihrer linken Hand eine Fackel, welche bereits in Heinrich Khunraths (ca. 1560-1605) alchemischen Werken mit Minerva und Athene bzw. der Ratio zusammengebracht wird.[9] Die Inschrift auf dem Podest lautet Moderatur et auget allucet(que) facem, dt. Es vermittelt, es speit, und es erglüht die Fackel. [d.i. die Ratio, die Weisheit]. In ihrer Rechten trägt die Personifikation der Ratio eine Waagschale, nota bene ein Instrument, welches in derartiger Motivik äußerst prominent ist.[10] Die Waage ist zusätzlich mit einem sich über der Hand befindendem, mit der Spitze nach unten gerichteten Dreieck ausgestattet. Nach der aristotelischen Elementenlehre ist es ein Symbol für Wasser, was in Anbetracht des im darüber prangenden Medaillon gezeigten Schiffes, das von ungewissen Meeren umgeben ist, nur adäquat erscheint.[11] Dort lautet die Inscriptio Dominus Providebit dt. Der Herr wird gewährleisten, zweifelsohne eine Allusion auf die Opferung Isaaks aus der Genesis. Eine solche Konstellation steht im Einklang mit der heraklitischen Dichotomie als Leitmotiv des Bildes.

Im unteren Register dominiert die Emblemszene mit Hermes und Hippokrates, die sich über einer Säulenbasis die Hand reichen. Die Säulenbasis ist mit einem Hexagramm dekoriert. In diesem Kontext verkörpert das Symbol die Zusammenkunft der Gegensätze. Das flankierende Schlangenpaar beinhaltet ophitischen und gnostischen Symbolgehalt. Es unterstreicht ferner die Allianz zwischen Hermes und Hippokrates. Die Verbindung der Schlangen mit Hermes wird durch den Caduceus, bzw. Schlangenstab gegeben; mit Hippokrates durch die regenerative Funktion der Schlange, die Häutung. Schlangen gelten bei Hippokrates als populäres Darstellungsmotiv.[12] Für den magisch-alchemischen Ritus der Hermetik spielt Schlangensymbolik seit jeher eine essenzielle Rolle. Deren Ursprünge sind im Gedankengut der Gnostiker zu finden.[13] Der Ourobouros[14], eine sich in den Schwanz beißende Schlange, ist ein Ursymbol des immer Seienden, der Ewigkeit.

Die Inscriptio auf der das Medaillon umgebenden Schriftschleife ist komplex, da sie von Wendungen Gebrauch macht, die nicht Bestandteil der klassisch-lateinischen Syntax sind und möglicherweise sogar fehlerhaft vom Künstler niedergeschrieben wurden.[15] In den rahmenden Füllhörnern sind ein Blumenstrauß auf der linken Seite und die Planetensymbole auf der rechten angebracht. Es handelt sich um eine typische Anspielung auf den hermetischen Garten der Elemente, und auf die Überzeugung, Metalle und Mineralien würden durch Säfte aus dem Erdboden wie Blumen reifen und herauswachsen. Darunter befinden sich noch diverse alchemistische Werkzeuge, besonders Phiolen und Vasen, über dem Boden verstreut. Diese mikro- makrokosmische Korrespondenz ist ein Indiz für die Identifizierung der Hermesfigur als Hermes Trismegistos. Jegliche Blumendarstellungen sind eo ipso mit astromythischer und esoterischer Bedeutung behaftet. Somit werden die Blumen zur Flora der Himmelsgestirne.[16]

Die Einkomponierung klassischer Autoritäten wie Hippokrates, Galen und Paracelsus war in den Titelillustrationen medizinischer Fachbucheditionen des 17 Jahrhunderts Usus,[17] Hermes hingegen stellt eine gewisse Rarität dar. Es findet sich zwar eine sporadische Gegenüberstellung mit Paracelsus,[18] aber die Figur des Hermes Trismegistos weist per se keine Konnotationen mit medizinischer Literatur auf. Umso weniger verwunderlich erscheint, dass das vorliegende Frontispiz nicht wirklich dem Musterbeispiel eines medizinischen Werkes entspricht. Es verzichtet nämlich auf anatomische Sinnbilder, auf eine breitere Vanitas Symbolik. Würde nicht die eigentliche Titulatur im Bildzentrum stehen, könnte man als Betrachter nur schwerlich auf eine medizinische Thematik schließen. Tatsächlich hat das Titelblatt schematisch viel mehr mit esoterischer Motivik gemeinsam, man beachte zum Vergleich den Kupferstich aus Ketmia Veres Compass der Weisen, in welchem der Versuch unternommen wurde eine eigentümliche Synthese der Hermetik mit einer Alchemie kabbalistischer Prägung zu schaffen.[19]

Christoph Chodorowski


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, S. 113, Nr. 102 Abb. 86f; Hollstein/Falk, Bd. XXVIA, 1990, Nr. 641.

Wüthrich 2007, S. 201f.

Endnoten
  1. Neugebauer 1993; Akat. Merian 1993.

  2. Online Exemplar der Ausgabe von 1636 Mevij et Schuemacheri, 1636, Liber primus: De capitis, cerebri, ac sensuum externorum morbis & symptomatibus, Wittebergae, vgl. Philipps Universität Marburg, Zentralbibliothek Sign. XId B 251: http://archiv.ub.uni-marburg.de/ubfind/Record/urn:nbn:de:hebis:04-eb2010-0194/

  3. Völlnagel 2012, S. 177. Lehnert 2020 (xxx).

  4. Read, John, A Prelude to Chemistry, London 1936, S. 201.

  5. Biedermann 1998, S. 291.

  6. Jüngken, Johann Helfrich, Praxis Medica, sive Corporis Medicina, Frankfurt a. M. 1689, S. 1.

  7. Boyle, Robert, Essay of the holy Scriptures, in: The Works of Robert Boyle, hg. von Michael Hunter u.a., London 1999-2000; Ders., How Boyle became a Scientist, in: History of Science 33 (1995), S. 59-103, bes. S. 77.

  8. Die phallische Allusion steht dabei im engsten Zusammenhang mit Hermes. Die sog. Hermen, also Stelen mit aufgesetzten Hermesbüsten, wurden überwiegend mit Phalluszeichen verziert. Goldsmith, Elisabeth, Ancient Pagan Symbols. A comparative Study, Detroit 1976 (Erstausgabe 1929), S. 185.

  9. Khunrath, Heinrich, Von hylealischen, das in primaterialischen catholischen oder algemeinem natürlichen chaos, Magdeburg 1616. Vgl. Read 1936 (wie Endnote 4), S. 81.

  10. Jüngken 1689 (wie Endnote 6), S. 1. In Jüngkens Praxis Medica schlägt die Waage zugunsten der Qualia, also der Anerkennung der wahren Beschaffenheit aller Dinge.

  11. Die Ikonographie eines Schiffes auf dem Meer in Medaillonform ist in der Literatur der Freimaurer sehr populär, siehe dazu Darstellungen der einzelnen Ehrengrade in der Naumburger Loge des Tempelordens der Strikten Observanz mit der Devise In Silentio et Spe Fortitudo mea, dt.: In Schweigen und Hoffnung meine Stärke.

  12. E. Goldsmith 1976 (wie Endnote 8), S. 46.

  13. Unter anderem verehrten Gnostiker aus syrischem Raum unter Basilides eine schlangenhafte Gestalt namens Abraxas, die sie mit dem Gottessohn, bzw. Adam Kadmon in Beziehung setzten. Die sog. Abraxas-Steine waren in der Benutzung als Amulette weit verbreitet, was in Bezug auf Hermes‘ ursprüngliche Form einer Steingottheit (Herma grie. ἕρμα, Stein, Felsen) bemerkenswert ist.

  14. Nota bene, die erste Darstellung des Ourobouros kommt, wie Hermes Trismegistus, aus einer ägyptischen Quelle, einem Manuskript der Goldmacherkunst der Kleopatra, dem Codex Casselanus entnommen [vgl. Biedermann 1998 (wie Endnote 5), S. 89].

  15. Interpretation I: So mögest Du im Bunde erstrahlen! Diese Interpretation setzt voraus, dass der Verfasser den Imperativ durch einen Konjugationsfehler falsch gebildet und mit mica vertauscht hat. Für diese wertvolle Hypothese möchte ich Herrn Professor H. Seng meinen tiefsten Dank aussprechen. Interpretation II: Somit geschieht es mit Sphäre und Mixtur. Für diese Interpretation wird angenommen, dass das con mit cum austauschbar ist und das mice-tura zusammengezogen werden muss.

  16. Frick, Karl R.H., Die Erleuchteten. Gnostisch-theosophische und alchemistisch-rosenkreuzerische Geheimgesellschaften bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Graz 1973, S. 44.

  17. Donat, Dietrich, Zur Buchtiteln und Titelblättern der Barockzeit, in: Orbis Scriptus, hg. von D. Gerhardt, München 1966, S. 171.

  18. Stolcius, Daniel, Viridarium Chymicum, Frankfurt a. M. 1624, S. 1.

  19. Ketmia Vere, Der Compass der Weisen. Von einem Mitverwandten der innern Verfassung der aechten und rechten Freymaeurerei beschrieben, hg. von Adamah Booz, 2. Aufl, Berlin 1782.