Merian, Atalanta fugiens, Emblem XXXIV, In balneis concipitur

Matthäus Merian d.Ä. Emblem XXXIV In balneis concipitur, & in aere nascitur, rubeus verò factus graditur super aquas für Michael Maier, Atalanta fugiens, Oppenheim: Johann Theodor de Bry 1618, S. 145, UB Frankfurt, Signatur 8° P 5.75

Emblem XXXIV zeigt eine Landschaft, die in verschiedene narrative Ebenen aufgeteilt ist. In deutscher Sprache verlautbart das Lemma Im Wasserbad wird er empfangen und in der Luft geboren, wenn er aber rot geworden, geht er aus dem Wasser. Zu sehen ist ein Gewässer, das in der rechten Bildhälfte in eine felsige Höhle mündet. In dieser Höhle, im Vordergrund der Darstellung, sind Sol und Luna als Mann und Frau mit Sonnen- und Mondkopf zu sehen, die sich im Wasser vereinen. Auf der linken Bildhälfte reicht das Gewässer an ein Ufer, an dem ein unbekleideter Mann im Begriff ist, aus dem Wasser zu steigen. Am Himmel türmen sich dichte Wolken auf, die unmittelbar an die Erde grenzen und sie zu berühren scheinen. Auf die dichten Wolken gebettet liegt Luna, die ein Kind gebärt.

Die Thematik der Pictura mitsamt dazugehörigem Epigramm und Diskurs verweist auf die verschiedenen Stufen des alchemistischen Transformationsprozesses und kann als eine allegorische Übertragung von Prozessen aus der Metallurgie verstanden werden, die aus dem Kochen, Verdampfen und Destillieren übernommen wird. Sinnbild und Epigramm stellen die Prozesse stark vereinfacht dar, während Maier in seinem Diskurs verstärkt auf die Details der Transformationsverfahren eingeht und sich hierbei vor allem auf das Rosarium philosophorum bezieht.[1] Der Stein wird laut Maier im Wasser gezeugt und in der Luft geboren. Wenn er rot sei, gehe er aus dem Wasser, ein Vorgang, der vergleichsweise im Splendor solis den geröteten Sumpfmann mit Engel zeigt (Abb.>). Anschließend, so Maier, werde der Stein auch weiß in der Höhe der Berge.[2] Der Stein wird im Bad konzipiert, was im übertragenen Sinne bedeutet, dass der Stein in seinem anfänglichen Stadium durch Erhitzen im Wasserbad am Boden des Glases gelöst wird. Dies wird durch die Vereinigung von Sol und Luna im Wasser dargestellt und symbolisiert die coniunctio – die Chymische Hochzeit der Alchemisten. Die Geburt des Steines in der Luft bedeutet, dass die Feinmasse der Substanz (nach der Empfängnis, conceptio) als Dampf in der Retorte aufsteigt. Dies wird durch die gebärende Luna in den Wolken verbildlicht. Hier wird die Stufe der albedo des Prozesses, der Weißung, aufgezeigt.[3] Am Boden herrscht nach Maiers Diskurs die Schwärze, die nigredo, die zuvor durch die putrefactio, die Fäulnis, erzeugt wurde. Der zweite Abschnitt des Epigrammes verweist direkt auf die rubedo und ist in der Darstellung des aus dem Wasser steigenden Mannes zu erkennen.[4] So werden im Sinnbild zwei Figuren simultan wiedergegeben – Luna im Wasser und in den Wolken und der nackte Mensch, als Säugling und als Mann, der aus dem Wasser tritt.

Das Wasser, in dem der Stein konzipiert ist, wird von De Jong und Bauer als das ursprüngliche Wasser bezeichnet, das auch bereits Erwähnung im Rosarium philosophorum und in der Genesis findet. Auch sei es das aqua mercurialis, aus dem die vier Elemente entsprungen sind.[5]

Neben dem Motiv des Wassers tritt im Emblem XXXIV das Thema des zirkulären Verlaufes in den Vordergrund, das auch in anderen Emblemen der Atalanta fugiens wiederkehrt.[6] Ein anderes wiederkehrendes Motiv ist der Stein, der in Emblem XXXIV als Mensch dargestellt wird,[7] in Emblem XXXVI als bearbeiteter Stein als Quader (Abb.>) und wiederum in Emblem XII als ungeformter Stein zu sehen ist, der von Saturn erbrochen wird. Dieses Symbol des geformten und ungeformten Steines kann nach De Jong in den Lehren der Rosenkreuzer stellvertretend für die menschliche Seele gesehen werden.[8]

Die ‚Leitmotive‘ und die Darstellungen aus Emblem XXXIV beziehen sich im übertragenen Sinne nicht nur auf den Prozess der Reinigung und Umwandlung der Metalle, sondern auch auf das Streben nach der Vollkommenheit der Seele. Die Symbole der kreisförmigen Prozesse in Materie und Geist, wie Maier sie in seiner Atalanta fugiens in verschiedenen Emblemen und Diskursen ausdrückt, stammen schließlich in all ihren Variationen aus der Phrase der Tabula Smaragdina: Sic superius, sic inferius.[9]

Sonja Gehrisch

Fuge Emblem XXXIV anhören>


Literatur

Wüthrich Bd. 2, 1972, Nr. 69, S. 84-86; VD17 23:263850V

De Jong 1969, S. 235-239; Biedermann 2006, S. 118; Hofmeier 2007; Dekker 2010; Werthmann/Gebelein 2011, S. 216f., Bauer 2012, S. 107f.; Bilak/Nummedal 2020 https://furnaceandfugue.org/atalanta-fugiens/emblem34.html

Online-Version Frankfurter Exemplar (Exlibris: Ad Bibliothecam Instituti Medici Senckenbergiani)

Endnoten
  1. Vgl. Hofmeier 2007, S. 350.

  2. Maier, Atalanta fugiens 1618, S. 144: Im Wasserbad geschehn ist sein Empfängnus / aber in Lüfften ist er geborn / und roht geht uber die Wasserklüfften / Er wirt auch weiß in der Höhe der Berg / so der Weißen allein angenemmer und einig Hertzenluft pfleget zuseyn / Es ist ein Stein / und auch nicht / welch himmlisch und edle Gaben / Gelücklich ist / so jemand aus Gotts Geschenck wirt haben.

  3. Siehe dazu den Text in der deutschen Übersetzung der Atalanta fugiens von Michael Maier als Chymisches Cabinet: derer grossen Geheimnussen der Natur, Frankfurt: Georg Heinrich Oehrling 1708, S. 101 Sobald nun die Conception und Empfängnuß geschehen / so steiget es übersich begiebt sich in den Helm / und machet seinen Anfang mit der Weiße. Am Boden herrscht die Schwärze / wovon Rosarius folgendes meldet: Die Conception wird vollbracht wann die Erde in ein Schwarz Pulver solviret ist / alsdann fähet sie an ein wenig von dem Mercurio in sich zu nehmen und zu behalten / und der Mann würcket in das Weib / das ist / der Azoth in die Erden. Bald darauff: Die Conception und Verbindnuß geschiehet in der Fäulung am Boden deines Glases; und die Gebährung der Neu ankommenden vollbringet die Lufft / das ist / es geschichet in dem Helm deines Glases. Weswegen auch die Gebährung in dem Balneis nicht anderster zu nennen ist / als eine Fäulung in dem Mist.

  4. Die Darstellung der rubedo ruft nach De Jong auch eine Assoziation zu Christus hervor, der über das Wasser geht. Vgl. De Jong 1969, S. 237f.

  5. Vgl. De Jong 1969, S. 238; Bauer, Ralph, The Alchemy of Conquest. Science, Religion and the Secrets of the New World, London 2019.

  6. Emblem XVII, VII, XXXVI, XLIII.

  7. Maier, Atalanta fugiens 1618, S. 144: Es ist ein Stein / und auch nicht / welch himmlisch und edle Gaben / Gelücklich ist / so jemand aus Gotts Geschenck wirt haben.

  8. De Jong 1969, S. 238. Online Ansicht Emblem XXXVI vgl. https://furnaceandfugue.org/atalanta-fugiens/emblem36.html und Emblem XII https://furnaceandfugue.org/atalanta-fugiens/emblem12.html.

  9. Tabula Smaragdina, in: Khunrath, Heinrich, Amphitheatrum Sapientiae Eternae, Hanau 1609, o.S. Vgl. De Jong 1969, S. 238f.