Ruland, Lexicon alchemiae sive dictionarivm alchemisticvm, 1612

Martin Ruland d.J., Lexicon Alchemiae sive dictionarivm alchemisticvm, Frankfurt: Zacharias Palthenius 1612, UB Frankfurt, Sign. GI 1813

Das Lexicon Alchemiae von Martin Ruland d.J. (1569-1611) erschien ein Jahr nach dessen Tod in Frankfurt am Main bei Zacharias Palthenius.[1] Es ist der ausführlichste von mehrfach unternommenen Versuchen, einen lexikographischen Überblick über die Terminologie der Alchemie zu erstellen.[2] Während die Nomenklatur chemischer Elemente und Verbindungen heute universell definiert ist, herrschte im 16. Jahrhundert eine unüberschaubare Vielfalt an Bezeichnungen, Symbolen und bewusst verschleiernden Decknamen. Vor allem der Paracelsismus hatte eine ganz eigene Terminologie hervorgebracht, welche entschlüsselnde Überblickswerke zu einem immer größer werdenden Desiderat werden ließ.[3] Im Widmungsschreiben seines Lexicons macht Ruland diese Notwendigkeit durch ein biblisches Beispiel anschaulich: Er vergleicht die Kunst der Alchemie mit dem Turmbau zu Babel. Beiden Unterfangen habe sprachliche Konfusion im Weg gestanden. Außerdem habe die mangelnde Präzision der Begrifflichkeit die Ars alchemiae in Verruf gebracht. Sein Lexicon solle daher zu einer besseren Verständigung unter den Praktizierenden der Alchemie und dem Ansehen ihrer Kunst beitragen.

Martin Ruland d.J. war wie sein gleichnamiger Vater paracelsischer Arzt und Alchemist am Hof von Kaiser Rudolf II. 1608 wurde er zum Leibarzt des Kaisers ernannt und gehörte fortan zu dessen innerstem höfischen Kreis.[4] Das Lexicon muss daher als eines der wichtigsten Zeugnisse der rudolfinischen Alchemie gelten. Ruland widmete es Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (1564–1613), der als Direktor des Geheimen Rats des Kaisers ebenfalls immer wieder am Prager Hof weilte und die Leidenschaft Rudolfs II. für die Alchemie teilte.[5] Die talismanische Figur, die das Titelblatt ziert (Abb.), stammt aus dem Liber primus des vermutlich weitgehend pseudo-paracelsischen Grimoires Archidoxis magica und soll auf einen Talisman aus einer Gold-Silber-Legierung graviert werden, um seinen Träger vor der Fallsucht zu bewahren.[6]

Corinna Gannon


Literatur

Huser, Johannes (Hg.), Husersche Quartausgabe. Band 10, Basel 1590; Karpenko, Vladimír, Martin Rulands „Lexicon alchemiae“ im Kontext der chemischen Sprache und Systematik, in: Studia Rudolphina 11, 2011, S. 102-126; Feuerstein-Herz, Petra, Heinrich Julius und die Alchemie. Spurensuche in Wolfenbüttel und Prag, in: Herzog Heinrich Julius zu Braunschweig und Lüneburg (1564-1613). Politiker und Gelehrter mit europäischem Profil, hg. von Werner Arnold, Brage bei der Wieden und Ulrike Gleixner, Braunschweig 2016, S. 220-233; Purš, Ivo/Smolka, Josef, Martin Ruland the Elder, Martin Ruland the Younger, and the Milieu of the Emperor’s Personal Physicians, in: Purš/Karpenko 2016, S. 581-605; VD17 23:292766X

Endnoten
  1. Der vollständige Titel lautet: Lexicon alchemiae sive Dictionarium alchemisticum, cum obscuriorum verborum et rerum Hermeticarum, tum Theophrast-Paracelsicarum phrasium. Eine weitere Ausgabe erschien 1661, ebenfalls in Frankfurt bei Johannes Andreas und Wolfgang Endter.

  2. Weitere Lexika wurden von beispielsweise von Gerhard Dorn (1570) oder Michael Toxites (1574) veröffentlicht.

  3. Karpenko 2011.

  4. Purš und Smolka 2016.

  5. Feuerstein-Herz 2016.

  6. Die sieben Bücher der Archidoxis Magica erschienen erstmals vollständig im Appendix von: Huser 1590, S. 73 bzw. 107.