Merian d.J., Porträt Merian d.Ä.

Matthäus Merian d.J., Matthævs Merian Senior Bibliopola et Iconographvs CeleberrPorträt Matthäus Merian d.Ä., Vorderseite von Memoria Merianaea. sive Epicedia, In praematurum et luctuosum Obitum, Francofurti: Hoffmannus 1650, Grabstichelarbeit und Radierung, UB Frankfurt, Portr.Slg. Holzhausen 661a[1]

„Jedermann kennt Merian den Älteren als den großen Kupferstecher und Typographen Deutschlands zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.“[2] Diese Aussage stammt von dem Schweizer Kunsthistoriker und Merian Experten Lucas Heinrich Wüthrich, dessen Forschungen Merians Bedeutung als einen der wichtigsten Radierer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts widerspiegeln. Vor allem wurde Matthäus Merian der Ältere (1593-1650) mit den Radierungen von Stadt- und Landschaftsansichten aus einem der ehrgeizigen wie voluminösen Hauptwerke, der Topographia germaniae (1642-1654), berühmt.[3] In das kulturelle Bildgedächtnis gelangten viele dieser Ansichten, da dieselben die Städte und Ortschaften des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation in ihrem Zustand vor der Zerstörung in späteren Epochen zeigen und oftmals die jeweils ältesten, noch dazu detailreichsten Bildzeugnisse der Orte überhaupt darstellen. Dass Merians Oeuvre als Zeichner, Stecher und Verleger allerdings weitaus mehr umfasst als die Topografien, sondern vielmehr enzyklopädischen Ansprüchen folgte, ist nicht nur durch Wüthrichs monographische Werkeditionen, einschlägige Publikationen und Ausstellungskataloge hinreichend dokumentiert.

Sowohl der Kupferstecher Dietrich Meyer (1572-1658) in Zürich als auch dessen Künstlerkollegen Friedrich Brentel (1580-1651) und Jacob van der Heyden (1573-1636) in Straßburg erkannten das zeichnerische Talent des jungen Merian aus Basel. Die Lehr- und Wanderjahre führten Merian demnach unter anderem nach Zürich, Nancy, Straßburg, Stuttgart, Augsburg und (vermutlich) in die Niederlande. Vergleichsweise zeitig war es Merian erlaubt, innerhalb der Werkstatt seiner Meister selbst zu signieren, da er selbständig und offenbar auf eigene Rechnung arbeitete. Den höfischen Schliff und die Vertrautheit mit den Bildaufgaben der Hofkünstler erhielt Merian durch einen zwei Jahre andauernden Arbeitsaufenthalt in Paris (1612-1614), wo er unter den Einfluss eines Claude Chastillon geriet und sich mit den Arbeiten des Crispyn de Passe d.Ä. auseinandersetzte. Erstmals befasste sich Merian in Frankreich zukunftsweisend mit emblematischen Darstellungen.[4]

Schicksalshaft war die Begegnung mit dem Wallonen Johann Theodor de Bry auf der Frankfurter Messe, die, nicht zuletzt vielleicht auch aus Gründen religiöser Interessenkonvergenz, zur Zusammenarbeit mit seinem künftigen Schwiegervater führte. Seit Ende 1616 lebte und arbeitete Merian folglich im pfälzischen Oppenheim, das den Zuwanderern mit reformiertem Glaubensbekenntnis ein tolerantes Lebens- und Arbeitsumfeld bot. Die Illustration von Emblembüchern und Reiseberichten[5] gehörte zu Merians Hauptaufgaben. Nach längeren Aufenthalten in der Residenzstadt Heidelberg und in seiner Heimatstadt Basel (dort ab 1620), verlegte Merian ab 1624 seinen Familiensitz dauerhaft nach Frankfurt. Grund war die 1623 in die Wege geleitete Übernahme des schon 1620 wieder nach Frankfurt zurückverlegten Verlags seines Schwiegervaters zusammen mit seinem Schwager Wilhelm Fitzer. Etwas später erhielt Merian schließlich 1626 das Frankfurter Bürgerrecht und war nunmehr alleiniger Verlagsbetreiber. Hauptsäulen des Familienunternehmens, das später die Söhne weiterführten, wurden topographische, religiöse, historische und ebenso medizinische und naturwissenschaftliche Publikationen.

Auf dem von seinem ältesten Sohn Matthäus Merian dem Jüngeren (1621-1687)[6] angefertigten Porträt erscheint der gealterte Kupferstecher vor einem dicht kreuzschraffierten Hintergrund sitzend, in Halbfigur nach links, in noblem Dreiviertelprofil. Die Gesichtszüge sind mit der Meisterschaft des erfahrenen, malerisch begabten Porträtisten in Szene gesetzt. Merians Blick ist energisch, fast durchdringend und äußerst klar. Die hochgezogene Augenbraue unterstreicht das forschende Wesen des Künstlers als Homo universalis. Eine physiognomische Besonderheit scheint die an der Schläfe hervortretende Ader gewesen zu sein. Das an der Stirn bereits schüttere Haar, fällt im Gegensatz dazu am Hinterkopf in weichen Locken herab. Ein modischer feiner Schnurbart in Kombination mit dem ebenso zeittypischen Spitzbart vollendet die gepflegte Haarpracht des Dargestellten. Merian ist in den voluminösen, stoffreichen Mantel eines Edelmanns gehüllt. Daraus lugt ein breiter weißer Kragen hervor.

Der großformatige Stich, vorgezeigt mit der rechten Hand und das Falten- und Wellenspiel des Mantels fortsetzend, gehört zu den typischen Attributen der Kupferstecher und weist auf Merians Lebensberufung. Auf dem Blatt sind auf der Treppe zum Herrscherthron halbkniende Figuren in langen Gewändern zu erkennen. Die Ikonographie der einander gegenüberstehenden Frauen (?) vor einem Herrscher erinnert auf den ersten Blick an das Urteil Salomos.[7] Dort erscheint laut Überlieferung jedoch kein Engel, wohingegen ein solcher auf dem Stich in Merians Hand zu sehen ist. Außerdem ist das vermeintlich im Vordergrund gezeigte Kleinkind bei genauerer Ansicht ein zum Sprung ansetzendes Hündlein und der Herrscher trägt anstatt einer Krone einen Lorbeerkranz (Apollon?) (Abb.).

Es liegt nahe zu vermuten, dass es sich um eine Arbeit handelt, die der Porträtierte selbst anfertigte. Somit entsteht der Verweis auf eine besondere Rolle des Stichs in der Gesamtdarstellung. Derselbe wird quasi vom Meister persönlich an den Betrachter weitergegeben, was sein Werk und seinen Ruhm unsterblich machen soll. Das unten gesetzte Widmungsgedicht in zwei Spalten benennt entsprechend den Namen des Dargestellten und seine Berufung. Die Distichen besingen die Segnung Merians durch Apollon und die Ehre der Musen, die in dem unvergesslichen Ruhm des Kupferstechers gipfeln:

MATTHÆVS MERIAN SENIOR, BIBLIOPOLA ET ICONOGRAPHVS CELEBERR | Cernite defunctum Merianum sistimus aere | Quem flet cum Musis Praeses Apollo suis | Et nos emeritum cur non, me morata, fleamus | Gloria Musarum qui fait, atque Decus. / Coelis atque typis poterant excusa probare, | Quantus, dum valuit, vir Merianus erat | Hinc erit, et merito, fama super oethera notus, | Fama, quæ meritis pendere digna solet

Im Zusammenhang mit der Dichtung ist es wohl unbestreitbar, dass auf dem geheimnisvollen Stich in der Hand des Meisters dessen Aufnahme auf den Parnass (Helikon) ins Bild gesetzt wird. Folglich handelt es sich vielmehr um ein Blatt beziehungsweise eine Vision Merians des Jüngeren: Der Künstlersohn imaginiert die Apotheose seines Vaters, gekleidet in ein antikisches Idealgewand, im Moment des feierlichen Empfangs durch Apollon. Auf der Treppe kniet eine der Musen.[8]

Tatiana Kultikova / Berit Wagner


Literatur

Drugulin, Nr. 13881; Hollstein, Bd. 26a, S. 209, Nr. 8

Künstlerporträts: der Bestand der Göttweiger Sammlung: Ausstellung des Graphischen Kabinetts des Stiftes Göttweig, hg. von Gregor Martin Lechner, Göttweig 1987, S. 107; Akat. Merian 1993, S. 28, Nr. 1.2; Nieden, Daniela, Matthäus Merian der Jüngere (1621-1687), Göttingen 2002, S. 256f., Nr. 163

Siehe auch https://holzhausen.kunst.uni-frankfurt.de/blaze#/entities/6138

Allgemein zu Merian d.Ä.:

Wüthrichs Werkverzeichnisse, Bücher und Ausstellungskataloge zum druckgraphischen Merians bilden eine wichtige Grundlage jeglicher wissenschaftlicher Beschäftigung mit dessen Oeuvre. Vgl z.B. Wüthrich, Lucas Heinrich, Jacob Burckhardt und Matthäus Merian, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 60, 1960, S. 65-96; Weyel, Birgit, Merian, Matthäus, gen. d. Ä. Artikel aus der Frankfurter Biographie (Online-Version); Wüthrich, Lucas Heinrich, Merian, Matthaeus der Ältere, in: Neue Deutsche Biographie 17, 1994, S. 135-138 (Online-Version); Wüthrich 2007 mit sämtlicher Literatur

Merian in Sandrart 1675 und http://www.portraitindex.de/documents/obj/33901116

Endnoten
  1. https://holzhausen.kunst.uni-frankfurt.de/blaze#/entities/6138 mit Abbildung der Rückseite des Nachrufs. – Eine andere Version, um 1650 mit Wappen, in: Memoria Merianaea. sive Epicedia, In praematurum et luctuosum Obitum, Francofurti: Hoffmannus, 1650: https://www.bildindex.de/document/obj67099054 oder https://rkd.nl/en/explore/images/264740, u.a. Historisches Museum Frankfurt, Frankfurt am Main – Weitere Digitalisate des Porträts siehe https://www.graphikportal.org/document/gpo00291139 bzw. https://www.graphikportal.org/document/gpo00291139/FM-dbsmboeblp1784

  2. Wüthrich, Lucas Heinrich, Die Handzeichnungen von Matthäus Merian d.Ä., Basel 1963, S. 9, zit. nach Frans Baudouin, Peter Paul Rubens und Matthaeus Merian der Ältere, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, 53, 1990, S. 160-176, hier S. 162.
  3. Dazu zuletzt ausführlich Schreurs-Morét, Anna, Den Leser „aus dem Käfig befreien“ – Frankfurts kosmopolitischer Blickwinkel: Die Topographien des Verlagshauses Matthäus Merian, in: Literarisches Leben in Frankfurt im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Frankfurt im Schnittpunkt der Diskurse. Strategien und Institutionen literarischer Kommunikation im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. von Robert Seidel und Regina Toepfer, Frankfurt 2010, S. 235-260.

  4. Für ein Emblembuch schuf Merian 1619 für seinen langjährigen Freund Julius Wilhelm von Zincgref (1591-1635) 100 Picturae. In dieser Zeit hielt sich Merian häufig in Heidelberg auf, wo er sich an der Universität vergeblich zu immatrikulieren versuchte.

  5. Vergleichsweise gut untersucht sind Merians Illustrationen der Reiseberichte. Dazu siehe Keazor, Henry, Charting the autobiographical, selfregarding subject? Theodor de Brys Selbstbildnis, in: Zeitsprünge 7, 2003, 2/3, S. 395-428; Greve, Anna, Die Konstruktion Amerikas. Bilderpolitik in den „Grands Voyages“ aus der Werkstatt de Bry, Weimar 2004; Groesen, Michiel van, The representations of the overseas world in the De Bry Collection of voyages (1590-1634), Leiden 2008.

  6. Zu Merian d.J. siehe Weyel, Birgit, Merian, Matthäus, gen. d. J. Artikel aus der Frankfurter Biographie (1994/96) in: Frankfurter Personenlexikon (Online-Version).

  7. Nieden 2002, S. 256f.

  8. Zum Motiv des Parnass bzw. der Aufnahme von Künstlern auf den Parnass im Umfeld Merian d.J. siehe: Schreurs-Morét, Anna, Apollo der Apellen. Zur Selbstinszenierung Joachim von Sandrarts im Rahmen der Fruchtbringenden Gesellschaft, in: Bildnispolitik der Autorschaft. Visuelle Inszenierungen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, hg. von Daniel Berndt, Lea Hagedorn, Hole Rößler und Ellen Strittmatter, Göttingen 2018, S. 209-233; Dies. Vom Gerangel im Künstlerhimmel. Die „Apotheose Joachim von Sandrarts“ (Federzeichnung von 1682), in: Vom Weihegefäß zur Drohne. Kulturen des Heroischen und ihre Objekte (Helden – Heroisierungen – Heroismen, Band 4), hg. von Achim Aurnhammer, Ulrich Bröckling und Barbara Korte, Baden-Baden 2016, S. 119-142.